/ Von Uwe Nettelbeck

Unübersehbar ist die Zahl der Bücher geworden, die schon in ihrem Titel an den französischen Rechtsgelehrten François Gayot de Pitaval erinnern, der in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, zu einer Zeit also, in der in Frankreich noch die Geheimjustiz der Bourbonen und ihrer Scharfrichter herrschte, auf die damals kühne Idee gekommen war, eine Sammlung authentischer Schilderungen berühmter und interessanter Kriminalfälle zu veröffentlichen.

Auch in Deutschland machte sein Beispiel Schule: Schon vier Jahre nach Pitavals Tod und dreizehn Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes der „Causes célèbres“,im Jahre 1747, erschien in Leipzig eine Übersetzung seines Werkes. Und 1792 erschien im Verlag der Cunoschen Buchhandlung zu Jena eine überarbeitete Auswahl aus den„Causes célèbres“ mit dem programmatischen Titel „Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit“ und jener berühmten Vorrede von Friedrich Schiller, auf die sich alle späteren deutschen Pitaval-Ausgaben berufen haben und in der es hieß: „Inder Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seinerVerirrungen. Man findet in demselben eine Auswahl gerichtlicher Fälle, welche sich an Interesse der Handlung, an künstlicher Verwicklung und Mannigfaltigkeit der Gegenstände bis zum Roman erheben und dabei noch den Vorzug der historischen Wahrheit voraus haben. Man erblickt hier den Menschen in den verwickeltsten Lagen, welche die ganze Erwartung spannen, und deren Auflösung der Divinationsgabe des Lesers eine angenehme Beschäftigung gibt. Das geheime Spiel der Leidenschaft entfaltet sich hier vor unseren Augen, und über die verborgenen Gänge der Intrige, über die Machinationen des geistlichen sowohl als weltlichen Betruges wird mancher Strahl der Wahrheit verbreitet.“

Aber erst der wirkliche Staatsrat und Präsident des Appellationsgerichtes für den Rezatkreis zu Ansbach, Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach verhalf durch die Veröffentlichung seiner „Merkwürdigen Criminal-Rechtsfälle“ und „Actenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen“ der neuen literarischen Gattung zu einer methodischen Basis. Feuerbach begnügte sich nicht mehr damit, jene künstlichen Verwicklungen zur angenehmen Unterhaltung des Lesers nachzuerzählen, sondern ging dazu über, sie didaktisch zu interpretieren oder doch wenigstens zu färben, auch schrieb er über keinen Kriminalfall, den er nicht aus eigener Anschauung kannte. Und es ist wohl vor allem auf die Anregung, die Feuerbachs Schriften boten, zurückzuführen, daß sich der Verleger Heinrich Brockhaus in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dazu entschloß, den Berliner Kriminaldirektor Julius Eduard Hitzig und den Schriftsteller Willibald Alexis mit der Herausgabe einer „Sammlung der interessantesten Kriminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit“ zu beauftragen. Alexis und Hitzig nannten ihre Sammlung „Der Neue Pitaval“.

Von allen früheren Sammlungen unterschied sich diese durch die Praxis der Herausgeber, keine Originalsammlung mehr anzustreben, sondern alle erreichbaren Arbeiten verschiedener Autoren in sie aufzunehmen oder als Quelle zu benutzen, durch ihren Ehrgeiz, mehr aktuelle als historische Fälle zu behandeln und auch den Anteil der Schilderungen in Deutschland vorgefallener Verbrechen zu erhöhen. Zwischen 1842 und 1890 veröffentlichten Alexis und Hitzig und später Anton Voilert sechzig Bände, und es sind seither Dutzende von Nachdrucken und Auswahlausgaben aus dem „Neuen Pitaval“ erschienen, auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch.

Im Jahre 1963 dann begannen Gerhart Herrmann Mostar und Robert A. Stemmle mit der Herausgabe einer neuen Reihe mit dem alten Titel „Der Neue Pitaval“, deren dreizehnter Band vor einigen Wochen erschienen ist und für dessen Herausgabe nur noch Robert A. Stemmle verantwortlich zeichnet, der vom siebten Band an die Herausgabe der Reihe allein übernommen hat –

„Sexualverbrechen“ – Der Neue Pitaval, Band XIII; Verlag Kurt Desch, München; 260 S., 12,80 DM.

Im ersten Band, den sie „Die Hölle“ genannt haben oder haben nennen. lassen (warum, verraten sie nicht; vielleicht war der Titel wirklich nur ein Einfall der Werbeabteilung des Verlages), deuteten die Herausgeber ihre editorischen Absichten an.

Gerhart Herrmann Mostar schrieb: „Diese Sammlung, die sich in aller Bescheidenheit ebenfalls in den Schatten Pitavals stellt und wenn nicht die Qualität seiner Darstellung, so doch seine Ziele mit ihm zu teilen hofft – dieser unser ‚Pitaval‘ also soll Schilderungen sowohl von verschiedenen Temperamenten wie aus verschiedenen Justizepochen geben und so den Vergleich zwischen einst und jetzt ermöglichen; er ist damit ein Pitaval nicht nur von, aber immer von heute. Er will die verschiedenen Schritte aufzeichnen, mit denen das Recht verschiedener Zeiten und Nationen seit jeher die eine, unteilbare Gerechtigkeit zu erreichen versucht – die ihm zwar unerreichbar voraneilt, aber doch immer den richtigen Weg führt.“

Und Robert A. Stemmle schrieb, seinen Mitherausgeber paraphrasierend: „Der ‚Neue Pitaval‘, der hier vorliegt, möchte als eine Fortsetzung der Sammlung von Hitzig und Alexis angesehen werden und bemüht sich darum, Erfahrungen der alten Sammlung und deren Mannigfaltigkeit ebenso zu übernehmen wie die Gegenüberstellung von alten und neuen Fällen ... Die fesselnden und oft erstaunlichen Fälle aus verschiedenen Epochen, die zu ihrer Zeit die Öffentlichkeit aufs stärkste bewegt haben, ermöglichen interessante Vergleiche zwischen einst und jetzt wie zwischen den Gerichtsverfahren verschiedener Länder.“ Beide fügten noch den einen oder anderen Schnörkel hinzu, Mostar einen Dreieinhalb-Seiten-Ausflug in die Rechtsgeschichte, Stemmle ein bißchen Schiller in Stemmle-Worten – der Reihe fehlte von Anfang an ein Redakteur.

Hitzig und Alexis hatten in ihren Pitaval Stücke aus den „Causes célèbres“ aufgenommen, weil es ihr Plan war, im Laufe der Jahre eine möglichst vollständige Enzyklopädie vorzulegen. Außerdem waren die meisten dieser Stücke ihren deutschen Lesern noch nicht bekannt. Hinter der planlosen Aneinanderreihung von Nachdrucken aber, die die Desch-Reihe bietet, verbirgt sich allenfalls die Absicht, Honorare zu sparen. Und fanden sich in den ersten Bänden wenigstens hin und wieder Stücke, die noch einmal aufzulegen sich lohnte, finden sich in den letzten Bänden fast nur noch solche, die kaum das Papier wert sind, auf dem sie stehen.

Ich glaube nicht, daß Gerhart Herrmann Mostar, der einige der glänzendsten Gerichtsreportagen der Nachkriegszeit geschrieben hat, ahnte, was sich da unter seinem Namen anspann. Ich glaube eher, daß er sich um diesen seinen Pitaval nicht weiter gekümmert hat oder kümmern konnte und aus dem Unternehmen ausgestiegen ist, als er merkte, wohin es trieb.

Stemmle dagegen verfaßt nach wie vor zu jedem Band eines seiner waschzettelreifen Vorworte. Also muß man es wohl auf sein Konto setzen, daß aus der Reihe nicht geworden ist, was vielleicht aus ihr hätte werden können.

Die Schilderungen der über hundert Fälle, die die Reihe füllen, stammen überwiegend aus dem Alexis-Pitaval oder anderen populären Sammlungen berühmter Kriminalfälle und sind im Laufe der Zeit entweder belanglos oder zu bekannt geworden, um eine nochmalige Veröffentlichung gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Und so beachtlich die Pionierleistung von Alexis und Hitzig auch war – ihre novellistische oder romanhafte Attitüde, mit der sie Kriminalfälle literarisch zubereiteten, wird dem Anspruch, den wir heute an die Schilderung eines Verbrechens stellen können, nicht mehr gerecht. Gerhart Herrmann Mostar selber hat daran keinen Zweifel gelassen, als er in seinem Vorwort zum ersten Band der Reihe schrieb: „Es fehlte ihnen wie ihren Nachfolgern vom ‚Pitaval der Gegenwart‘ die kritische Funktion. Sie waren eben, wie sich das in Hohenzollernzeiten besonders für Juristen gehörte, gut konservativ und hielten Konservatismus eo ipso für Objektivität... Erst in unserem Jahrhundert tauchten dann wirklich legitime Jünger und Fortsetzer Pitavals auf – Schriftsteller und Philosophen von Rang und zugleich Männer von Geist und Herz, welche die Justiz nicht nur beschreiben, sondern auch ändern wollten, da nämlich, wo sie zu bessern war – ich nenne Sling, den Unvergessenen, Theodor Lessing, den von den Nazis Ermordeten, Karl Federn, den furchtlosen Bekämpfer des Justizmordes.“

Kaum mehr als ein halbes Dutzend der in die Desch-Reihe aufgenommenen Stücke können diese Sätze belegen, und das ist eine dürftige Bilanz. Zu ihnen gehören Theodor Lessings Arbeit über den Fall Haarmann, die im zweiten Band erschienen ist, Alfred Döblins Schilderung des Falles Elli Link und Grete Bende im dritten Band und die Reportagen von Mostar selber, die er am Anfang zu der Reihe beigesteuert hat – zum Beispiel seine Schilderung des Falles Rudolf Pleil, der nach 1945 zahlreiche Grenzgänger zwischen Ost und West ermordet hat, oder seine Chronik eines Justizirrtums, seine Schilderung des Falles des Bauern Wilhelm Lang aus Gemmingen, der erst in einem Wiederaufnahmeverfahren von der Anklage des Mordes freigesprochen wurde.

Die Texte von Lessing und Döblin erschienen zum erstenmal in den zwanziger Jahren, in der Reihe „Außenseiter der Gesellschaft“, in der noch eine ganze Anzahl weiterer bemerkenswerter Arbeiten erschienen sind, die nachzudrucken sich gelohnt hätte, die aber von Stemmle nicht nachgedruckt worden sind. Den von Mostar erwähnten Karl Federn sucht man in der Desch-Reihe vergebens, und aus Slings berühmtem Buch „Richter und Gerichtete“, das auch antiquarisch kaum mehr aufzutreiben ist und längst eine Neuauflage verdient hätte, hat Stemmle bisher nur kleinere, meist nebensächliche Arbeiten nachdrucken lassen.

Slings große Fälle ließ er unbeachtet: den Prozeß gegen den Schüler Paul Krantz, der wie kein anderer das moralische Klima im Berlin der zwanziger Jahre und die Atmosphäre widerspiegelt, die damals in Moabit herrschte; den Flessa-Prozeß, den Fall Strasser, den Fall Heydebrand, den Fall Josephsen, den Fall Böhme, die Fälle Gehrt, Angerstein und Schroeder.

Vor allem ist nicht zu verstehen, daß der Fall Krantz in keinem der dreizehn Bände aufgetaucht ist, obwohl einer den Titel „Jugendkriminalität“ trägt, schon darum nicht, weil sich hier die seltene Gelegenheit geboten hätte, einen Prozeß, der wirklich zu seiner „Zeit die Öffentlichkeit aufs stärkste bewegt“ hat, in zwei verschiedenen Darstellungen von Rang in die Sammlung aufzunehmen, denn nicht nur Sling hat ausführlich über diese Schüler-Tragödie berichtet, sondern auch der prominente Anwalt Erich Frey, der Krantz temperamentvoll verteidigt hat.

Aber nicht nur bei der Auswahl der Nachdrucke hat Stemmle eine wenig glückliche Hand bewiesen. Er hat, was er auswählte, auch noch willkürlich zusammengehauen.

Da sind zum Beispiel die Titel der Bände. Sie lauten, eine Methode,einen Sinn der Zusammenstellung simulierend: „Todesurteil“ oder „Raub“ oder „Tatmotiv B’egierde“. Wer aber daraufhin erwartet, der Titel eines Bandes deute sein Thema an, sieht sich getäuscht.

Der Band „Giftmord“ zum Beispiel schildert zehn Fälle. Aber nur zwei dieser Fälle handeln von Delikten, in denen Gift eine Rolle gespielt hat. Das erste Stück des Bandes schildert einen Fall, der sich am Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Frankreich zugetragen hat und aus dem Alexis-Pitaval stammt. Das Tatwerkzeug: ein Dolch. Und das letzte Stück ist eine von Stemmle nacherzählte Anekdote, die in London „zu der Zeit, in der die Radiomusik noch nicht alles überschwemmt hatte und man sich darum ein wenig Musik im Vorübergehen gern gefallen ließ“ spielt und von einem Apotheker handelt, der von einem durchziehenden Betrügertrio geprellt wird. Dazwischen ist von der Raubmörderin Franziska Klein die Rede, die 1905 von einem Wiener Schwurgericht zum Tode verurteilt wurde, von dem Zahnarzt Richard Müller, der zweimal des Mordes angeklagt und 1956 im zweiten Verfahren von dem Verdacht, seine Frau vorsätzlich in seinem Wagen verbrannt zu haben, freigesprochen und nur wegen fahrlässiger Tötung verurteilt wurde, von einem schottischen Raubmörder aus dem siebzehnten Jahrhundert und von dem Briefdieb Karl Kalab, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts als Angestellter der österreichischen Post Wertbriefe nicht weiterleitete, sondern in die eigene Tasche leerte. Und schließlich enthält der Band noch Mostars Schilderungen der Fälle Pleil und Lang. Pleil hatte seine Opfer meist mit einer Axt erschlagen, und im Falle Lang ging es um Schüsse.

Der Fall Lang hätte natürlich in den Band „Justizirrtum“ gehört, in dem sich statt dessen der Fall der Gesche Margarethe Gottfried findet – die berühmteste und am häufigsten in Anthologien zu findende Giftmordgeschichte aus dem Alexis-Pitaval; sie ist auch in der vom Deutschen Taschenbuch Verlag veröffentlichten Auswahl enthalten.

Und so weiter: Aus dieser Irreführung des Lesers kann auch Stemmles verspätete, in dem Band „Jugendkriminalität“, dem elften, auftauchende Bemerkung keine Tugend mehr machen, daß es ihm weniger um thematische Einheitlichkeit als um ein„möglichst variantenreiches Kaleidoskop menschlicher Vergehen und Verbrechen zu tun sei.

Zumal der Kopflosigkeit des Unternehmens eine Schlamperei in den Details entspricht: Aus den Quellenangaben zum Beispiel, die es zu jedem Kapitel gibt, kann man manchmal noch nicht einmal entnehmen, wer sein Verfasser ist. Und die Quellenangaben zu der Geschichte des Briefdiebs Kalab, die im dritten Band steht, finden sich bereits im zweiten – für die Geschichte selber war wohl im letzten Augenblick kein Platz mehr.

Vor allem aber hapert es an Autoren und an aktuellen Fällen. Die wenigen aktuellen Fälle, die Stemmle in die Sammlung aufgenommen hat, den Fall Richard Müller zum Beispiel, den Fall Maria Rohrbach, den Fall Inge Marchlowitz, sind überwiegend von Autoren verfaßt, die sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen zeigen, mit dem Ergebnis, daß die nachgedruckten Stücke der Sammlung fast durchweg besser sind als die eigens für sie geschriebenen.

Helmut P. Müller bietet mit seiner Darstellung des fatalen Indizienprozesses gegen Maria Rohrbach wenigstens noch eine ausführliche und präzise Kollektion der Fakten. Aber sein Beitrag ist die große Ausnahme. Es ist dagegen schleierhaft, was Stemmle dazu bewogen haben mag, zum Beispiel Hildegard Damrows Schilderung des Falles Marchlowitz dem Band „Jugendkriminalität“ voranzustellen oder die Darstellung des Falles Pupecka von Helmut Ebeling in den Band „Sexualverbrechen“ aufzunehmen.

Hildegard Damrow, eine Gerichtsreporterin der Zeitungen Hamburger Abendblatt und Welt am Sonntag und Autorin einer wöchentlich im Hamburger Abendblatt erscheinenden Briefkastentanten-Kolumne „Von Mensch zu Mensch“, ist sicherlich eine fleißige Journalistin, die schreibt, was sie kann. Aber schon ihre bedenkenlose Verwendung von Schlagzeilenvokabeln wie „Bestie in Menschengestalt zeigt, daß sie zu jenem Schlag von Gerichtsberichterstattern gehört, die Mostar nicht meinte, als er von den „legitimen Jüngern Pitavals“ sprach, zu denen er seber gehört.

Die bei Desch erscheinende Reihe führt unfreiwillig vor, daß die literarische Gattung, die François Gayot de Pitaval ins Leben gerufen hat, dabei ist, zu verkommen. Die Zeiten, in denen sich Schriftsteller wie Theodor Lessing oder Alfred Döblin in den Gerichtssaal setzten, um für eine wahre Öffentlichkeit des Verfahrens zu sorgen, scheinen vorbei zu sein. Früher lasen die Leute, was Sling in der Vossischen Zeitung schrieb, heute lesen sie, was ein Alfred Bock in Bild schreibt.