München

Die Verhandlung beginnt erst um neun Uhr. Aber schon kurz nach acht Uhr ist der Schwurgerichtssaal im Münchener Justizpalast voll besetzt: Ältere Frauen mit frisch gewellten Haaren. Einige haben sich Pakete mit belegten Broten mitgebracht. Draußen vor der Tür, die von zwei Wachtmeistern bewacht wird, stehen noch andere Frauen und Rentner. Sie warten. Vielleicht wird in der Pause ein Platz frei.

Viele sind aus Kempten gekommen. Denn die beiden, über die hinter der dunkelbraunen Tür Gericht gehalten wird, sind ihre Nachbarn. Und sie, die Zuschauer, die Neugierigen, haben es eigentlich schon immer gewußt, daß alles einmal ein schlimmes Ende nehmen werde. Ehrbarkeit und Sittsamkeit stehen ihnen im Gesicht geschrieben und Entrüstung dazu.

Noch ist die Frau aus der Parterrewohnung vom Kemptener Kirchenweg 100 nicht da, die monatelang minuziös aufgeschrieben hat, wann der Angeklagte zu der Angeklagten in den ersten Stock hinaufstieg. Vielleicht kommt sie auch nicht. Aber die anderen wollen hören, was passiert ist und wenigstens einen Hauch von Verruchtheit mitbekommen und hören, wie die Sünder bekennen. Von Sex, Gift und Mord ist die Rede. Der Prozeß um den sogenannten „Enzianmord“ kann beginnen.

Die Angeklagten werden hereingeführt. Zuerst der Kraftfahrzeugmechaniker Wilhelm Leinauer aus Kempten, 27 Jahre alt, verheiratet, kein Kind, keine Vorstrafe. Er trägt einen dunklen Anzug und eine rote Krawatte. Ein kleiner, schmächtiger Mann, der die Lippen zusammenpreßt und die Mundwinkel zu einem albernen Grinsen nach oben verzieht.

Dann kommt die Verkäuferin und Bardame Christel Müller aus Kempten, 25 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, keine Vorstrafe. Sie trägt ein dunkelblaues Kostüm und einen weißen Pullover mit rundem Ausschnitt. Ihr Gesicht ist blaß und verquollen vom Weinen. Ein Polizist führt sie am Arm.

Die Anklage ist längst formuliert. Wilhelm Leinauer und Christel Müller werden beschuldigt, „gemeinschaftlich versucht zu haben, aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch und grausam einen Menschen zu töten und durch Fahrlässigkeit den Tod eines anderen Menschen verursacht zu haben“: Mordversuch und fahrlässige Tötung. Ob alle Vorwürfe in dieser rechtlichen Qualifizierung bis zum Ende aufrecht erhalten werden, gilt als nicht ganz sicher.