Von Marcel Reich-Ranicki

Endlich eine frohe Kunde: In diesem Herbst unseres Mißvergnügens, in dieser düsteren Saison der deutschen Literatur gibt es doch einen bemerkenswerten Lichtblick.

Er erinnert uns nicht nur an die Dunkelheit des Hintergrunds, von der er sich zu unserem Glück so entschieden abhebt, sondern auch an die simple und, wie ich meine, unumstößliche Wahrheit, daß auch heute der Welt mit den Mitteln des Epikers beizukommen ist; nur muß man unbedingt etwas können, wovon die meisten unserer Schriftsteller leider keine Ahnung haben: Man muß erzählen können.

Der Autor, der der deutschen Literatur zu Hilfe eilt, ist ein Ungar: Er heißt Mario Szenessy, wurde 1930 geboren und lebt seit 1964 in der Bundesrepublik.

Er, der kein Deutscher ist, schreibt ein ungleich besseres Deutsch als fast alle, die hierzulande Bücher verfassen. Er, der ein Anfänger ist, erweist sich anders als die meisten deutschen Schriftsteller der jüngeren (und leider nicht nur der jüngeren) Generation als ein ernster und reifer Mann.

Ob er wirklich ein Romancier ist, läßt sich noch nicht sagen, aber bestimmt haben wir es mit einem außerordentlichen Erzähler zu tun. Auch kann sein Erstling schwerlich als Meisterwerk gelten, manche seiner Schwächen liegen sogar offen zutage. Und doch werde ich dieses Buch, das mir das bedeutendste im Bereich der erzählenden deutschen Prosa des Jahres 1967 zu sein scheint, nicht so bald vergessen –

Mario Szenessy: „Verwandlungskünste“, Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 206 S., 18,– DM.