Von Carl Zuckmayer

Ich kann es nicht glauben, daß er wirklich tot ist. Noch kann ich mir nicht vorstellen, daß ich seine Stimme nicht mehr hören werde, seinen Berliner Jargon, sein Lachen, seinen drastischen Witz, seine zarten und klugen Worte. Fast ist es mir unmöglich, von ihm in der Vergangenheit zu schreiben, so sehr ist er mir lebendig.

Vor zweiundvierzig Jahren hat er zum erstenmal ein Stück von mir inszeniert, und dann fast alle anderen. Er war der Gefährte, der Lebensfreund. Es ist schwer, über jemanden, den man geliebt hat und mit dem man eines Sinnes war, zu sprechen, ohne zu idealisieren, zu verklären; so sei er verklärt.

Er war der letzte, in einer fast legendären Reihe von großen Regisseuren und Theaterleitern, der noch in vollem Umfang aktiv fürs Theater tätig war, bis kurz vor seinem Tod. Und wenn Jürgen Fehling in dieser Reihe der Genialischste war, dem alle Geister und Dämonen dienten, Erich Engel der Intellektuellste, Ludwig Berger der Musikalischste, so war Heinz Hilpert der Menschlichste, und der am leidenschaftlichsten vom Theater Besessene.

Hilpert und sein Theater lassen sich kaum trennen, sie waren ein und dasselbe. Man kann sich ihn nicht ohne Theater, man kann sich das Theater nicht ohne ihn vorstellen. Er lebte mit seinen Schauspielern in einer Art von Stammes- und Blutsverwandtschaft, er war stets einer von ihnen, er stand ihnen nicht gegenüber, sondern mitten unter ihnen, in einer Nähe, die sie kaum merken ließ, daß er sie führte, leitete, erzog. Schwierige, eigenwillige Schauspieler, wie Klopfer, Werner Krauss, Rudolf Forster, blühten auf, wenn er mit ihnen arbeitete, und unterwarfen sich einer strengen Disziplin, ohne sie als Zwang zu empfinden. Den schwächeren Darstellern gab er Sicherheit und Vertrauen, weil er auch an sie glaubte; er glaubte an sie, wenn sie nur einen Funken von menschlicher Substanz zu vergeben hatten, und sein Glaube blies diese Fünklein an wie glimmende Kohlen.

Am glücklichsten war er, wenn er selbst mitspielen konnte, und er tat es oft mit Glück und Gelingen: Ich denke an seinen herrlich Schillerschen alten Miller in „Kabale und Liebe“, an seinen von allen verteufelten Humoren gezeichneten Dorfrichter Adam.

Der Mensch auf der Bühne war der Gegenstand seiner Liebe, das Wort des Dichters war sein geheiligtes Rüstzeug, der Gegenstand seiner hohen Verpflichtung. Zur Dichtung hatte er ein ebenso ehrfürchtiges, sakramentales wie zärtliches und behutsames, doch immer natürliches Verhältnis. Man mußte ihn Lyrik und Prosa lesen hören, Goethe und Mörike, Glasbrenners Berliner Possen, Wilhelm Raabe, Theodor Storm, Wilhelm Busch, Liliencron, Fontane, Claudius, Heine, um diese souveräne Verfallenheit an die Poesie und das Wort ganz zu begreifen. Seine Dichterlesungen waren immer so, als würden die Dichter selbst lesen –, nur etwas besser, als es die meisten von ihnen können.