Frankfurts Nordwest-Stadt – ein Viertel ohne Langeweile

Von Otl Aicher

Jede Stade hat ihr Erscheinungsbild. Wer mit Frankfurt am Main angenehme Erinnerungen verbindet, wird die Stadt schätzen, sie vielleicht sogar schön finden. Bei anderen steht sie in dem Ruf, die trostloseste Stadt Deutschlands zu sein: Der Wirrwarr der Ballung geht hier nahtlos über in die typischen Zersiedlungsformen der stadtnahen Umgebung.

Doch über Ästhetik kann man streiten. Tatsache ist, daß Frankfurt wenig Ordnungsprinzipien erkennen läßt. Weder haben Straßenzüge noch Grünzonen noch Siedlungen zu einer eindeutigen Struktur der Stadt geführt. Neue Straßen – wie in Hannover – gibt es nicht, und der zentrale Park wurde nicht nur nicht ausgedehnt, sondern an allen Ecken angefressen. Größere Siedlungseinheiten sind nirgendwo; die Mischung von Siedlungen, Schrebergärten und Gewerbe herrscht vor. Nur die Innenstadt ist von dem grünen Ring der einstigen Befestigung eingefaßt und als geschlossenes Gebilde erkennbar.

Das sind nun Tatbestände, die auch bemerken wird, wer die Stadt in sein Herz geschlossen hat; er wird auch zugeben, daß sogar die ehemalige Altstadt nicht als Beispiel eines gelungenen Wiederaufbaues angesehen werden kann.

Aber wo kann man das schon. Das neoklassizistische Bankhaus als Steinfestung steht in der Innenstadt neben dem Warenhaus mit Glasfassade. Eine Straße der guten Geschäfte gibt es nicht. Ramsch und Kitsch dominieren in den Auslagen wie in der Architektur. Während wir zu den neugotischen Bürgerhäusern der Neustadt, etwa der Günthersbergallee, schon wieder genügend Abstand haben, um ihnen einen Reiz abzugewinnen (sie sind die einzigen übriggebliebenen „historischen“ Bauten), ist die kunstgewerbliche Moderne in Naturstein und Goldeloxal, die den Wiederaufbau der Altstadt beherrscht, von tödlicher Harmlosigkeit.

Das heutige Rom (es ist keine böse Absicht, Rom mit Frankfurt zu vergleichen) profitiert vom Durcheinander von Antike, Barock und Moderne; eins schiebt sich gegen das andere. Wird auch Frankfurt eines Tages von seiner Ungereimtheit profitieren? Vom Nebeneinander von Professor-Speer-Baukunst, mißverstandenem Saarinen, alten Kirchen und Kaffeehaus-Architektur? Wahrscheinlich nie. Es ist die Ungereimtheit des Unvermögens. Des Unvermögens von Baubeamten? Architekten? Oder von Bauherren? Sagen wir: des Unvermögens einer Zeit und einer Gesellschaft, um nicht in den Verdacht zu geraten, es ginge hier um eine moralische Schuld.

Immerhin gibt es einige Bauten, die es anderswo nicht gibt, vorweg den Bahnhof. Man sollte die Steinfassade wegnehmen, damit man dieses Konstruktionsmonstrum von Schwarz in Schwarz auch der Stadt und nicht nur den Zugbenutzern zugute kommen lassen kann. Dann gibt es in Frankfurt den besten Eiermannbau, draußen beim Osthafen: das Neckermann-Gebäude, monumental wie ein Ozeanriese – kein Prestigebau in Stahl und Aluminium, sondern schlicht in Beton, eine Referenz an den Funktionalismus der Vorkriegszeit.

Die Vorhalle der Theater hatte ähnlich monumental ausfallen sollen, aber es ist der schwächste Bau von Apel und Beckert geworden. Ansonsten verdankt Frankfurt diesem Architekturbüro einige Gebäude, die verhindern, daß man sich mit dem Provinzialismus zufriedengeben muß.

Das Zentrum der Elektroindustrie in Sachsenhausen ist ein Spaß eigener Art. Das Hotel Inter-Continental und das IBM-Rechenzentrum bilden zusammen schon den Nukleus einer städtebaulichen Konzeption, die einer Großstadt entspricht. Ein zweiter Ansatz solcher Art ist bei den drei Hochhäusern am Opernplatz zu erkennen, wenn auch ihr Niveau zu wünschen übrigläßt. Und mit dem Entwurf für das Zentrum der Nordwest-Stadt haben Apel und Beckert ein Modell geschaffen, das vielleicht zu einem Vorbild werden wird wie einst die Zentren von Vällingby und Farsta, die ersten Vorortzentren bei Stockholm.

Überhaupt die Nordwest-Stadt. Sie ist der erste grundsätzliche Versuch in Frankfurt, die Entwicklung in den Griff zu bekommen, auch wenn er zu spät gekommen ist. Ein Leben lang hat Walter Schwagenscheidt sich bemüht zu demonstrieren, daß neue Architektur nicht langweilig zu sein braucht. Neu oder alt, geplant oder nicht geplant – das Unvermögen ist in Frankfurt so dominierend, daß selbst die Wurzeln zur Geschichte abgeschnitten sind. Es ist schlechterdings nicht mehr vorstellbar, daß hier Hölderlin gern gelebt haben soll. Diese Vorstellung verträgt sich nicht mit der Disharmonie, den Verknotungen, die eine ungesteuerte Zivilisation hervorbringen kann.

Die Frage des Erscheinungsbildes einer Stadt wird in dem Maße akut, wie sich Wohnungsbedürfnisse befriedigen lassen. Sobald die quantitative Erfüllung erreicht ist, wird die Rechnung mit der Qualität aufgemacht. Die Tage sind nicht mehr fern, wo sich die Stadtverwaltungen fragen müssen, wie sie die Stadtflut aufhalten können. Sie werden sich darauf besinnen müssen, daß eine Stadt ein „Erlebnisraum“ ist und daß sie einen psychologischen Konsum zu befriedigen hat. Man wird zu einer bewußten „Politik des Erscheinungsbildes“ übergehen müssen.

Wandlungen der City

Während andere Großstädte nur ein Stadtzentrum haben, besitzt Frankfurt tatsächlich eine City. Diese City ist nicht mehr identisch mit der Altstadt oder der größeren Innenstadt innerhalb des Grüngürtels. Die Banken, Fluggesellschaften, Werbeagenturen, Auslandsvertretungen, Sonderbüros, die sehr stark den Charakter der Frankfurter Geschäftswelt bestimmen, haben sich alle westlich der Hauptwache angesiedelt, die im Zentrum der Innenstadt liegt. Sie sind mehr dem Westend, das außerhalb des Grüngürtels liegt, zugeordnet als der Innenstadt. Der Schwerpunkt wird deutlich markiert durch die neuen Hochhäuser an der Bockenheimer Landstraße, östlich der Hauptwache konzentriert sich der billige Massenkonsum. Die Zeil, einst die zentrale Geschäftsstraße, ist von Kaufhäusern erobert worden, die alle Mittel haben, an zentrale Stellen zu kommen – und sie dann entwerten.

Die Altstadt mit ihrem mißglückten Wiederaufbau ist nur als Standort der städtischen Behörden von Gewicht. Römer, Dom und Paulskirche sind wie verlassene Inseln in diesem Bezirk, der noch vor dem Krieg zur Mitte gehörte. Das Bahnhofsviertel degeneriert vom Standort der erstklassigen Geschäfte zum Vergnügungsslum. Man wird dort von Damen am hellen Tag angesprochen, und nicht nur in Nebenstraßen, sondern auf der einst repräsentativen Geschäftsstraße, der Kaiserstraße, die zum Bahnhof führt. Seit die feine Welt einen Mercedes mit Chauffeur der Bahn vorzieht, wird der Bahnhof zum Treffpunkt der Gastarbeiter. Seine feudale Architektur umrahmt die Öffentlichkeit des Südländers.

Wo trifft man sich?

Wo trifft man den Frankfurter? Er sitzt in den Büros. Öffentlichkeit hat er keine mehr. Er geht nicht mehr auf die Straße. Die Wandlung der City hat zu keiner Konzentration von so einladenden Geschäften geführt, daß man sein Zuhause mit Fernsehgerät, Garten oder gar Swimming-pool gelegentlich gegen einen Stadtbummel eintauscht. Nur die Freßgasse bietet noch jenes Kauferlebnis, das die Mühe lohnt, einen Parkplatz zu suchen. Auch das Theaterfoyer ist dem organisierten Abonnementspublikum vorbehalten. Nur wer für ein Essen das Drei- bis Fünffache des normal Zuzumuten den ausgeben will, kann in den zehn exklusiven Restaurants die Welt treffen, die Frankfurt repräsentiert. Nachts ist die Stadt leer.

Nicht einmal die Lieblingsbehauptung der heutigen Stadtplaner, die City sei der Konzentrationspunkt des „tertiären Sektors“, trifft auf Frankfurt zu; der größte Teil des Dienstleistungsgewerbes ist außerhalb lokalisiert. Wer mit dem Wagen einkaufen will, zieht es gelegentlich vor, zu Neckermann an die Ostgrenze der Stadt zu fahren oder in den Westen zum Main-Taunus-Einkaufszentrum. Dort gibt es keine Parkprobleme.

Trotzdem bleibt natürlich, daß wenigstens der Bedeutung, wenn auch nicht der Zahl nach der Tertiärsektor in der City konzentriert ist, angefangen von der Deutschen Bundesbank bis zum amerikanischen Handelszentrum. Dienste von nationaler und internationaler Bedeutung sind in der City angesiedelt. Sie werden zunehmen, solange Bürokratisierung und internationale Verflechtung zunehmen.

Allerdings macht soeben die Bundesbank einen Sprung über den äußeren Stadtring hinaus ins Grüne. Sie hat in der City keinen Platz mehr, das heißt – und das ist bezeichnender – keine Entwicklungsmöglichkeit, keine Expansionsmöglichkeit mehr. Wer immer Entwicklungsmöglichkeiten sucht, wird versuchen, die City zu verlassen, selbst wenn es sich um Unternehmen wie Banken handelt, die bisher nur im Kern der Stadt denkbar waren. Aber die kleineren Büros, die zum Teil unterhalten werden, um in Frankfurt Adresse, Telephonnummer, Konto und Fernschreiber unterhalten zu können, werden immer wieder Platz finden. Zudem ist es auch ein Geschäft für Banken wie die Berliner Handelsgesellschaft, repräsentative Hochhäuser aus Marmor und Aluminium zu bauen und sie stockwerkweise an prestigebedürftige Firmen zu vermieten.

Immerhin arbeiten in der City 170 000 Menschen, aber es wohnen dort nur 60 000. Ein umfangreiches Netz von Parkhochhäusern wurde geschaffen, aber dennoch wird es keine „autogerechte“ City geben. Zwar wird, um die Autofahrer zu veranlassen, ihre Wagen zu Hause zu lassen, eine U-Bahn gebaut, aber wie schon in Vällingby belegt, liegt das Problem der verstopften City gar nicht in der City. Je weiter die Wohngebiete sich ins offene Land ziehen, desto weiter fächert sich die Stadt auf; der Abstand zu den U-Bahnlinien wird größer, je weiter man hinausgeht, der Verkehrs-Stern immer offener. Also fährt man weiter mit dem Auto.

Die Bevölkerung der Altstadt Frankfurts hat sich seit 1939 um 60 Prozent vermindert, die innere City um 50 Prozent. Die Bevölkerungszunahme ist außerhalb der Stadtgrenzen sowohl relativ als auch absolut am stärksten. So werden sich immer mehr gezwungen fühlen, im Wagen zur U-Bahnstation zu fahren. Ob sie dann nicht gleich Kurs auf die City nehmen? Zum Teil werden Geschäfte an den Rand der Stadt gelegt, so entlang der Adickes-Allee, des äußeren Ringes, und sicherlich zuerst, um der Verkehrsmisere zu entgehen.

Wer in Frankfurt bauen will, hat seine Not. Die Stadt hat heute 700 000 Einwohner, angelegt ist sie für 750 000, dann ist das Stadtgebiet aufgezehrt.

Dabei hat Frankfurt 500 000 Arbeitsplätze. Geht man davon aus, daß sich die Bevölkerungszahl aus der Verdoppelung der Beschäftigungszahl ergibt, entspräche der Wirtschaftsstadt Frankfurt eine Stadt von einer Million Einwohnern. Das heißt, 250 000 Frankfurter leben außerhalb der Stadtgrenze, irgendwo im Umland. Sie siedeln außerhalb der Planungshoheit der Stadt und demonstrieren auf ihre Art die Zersiedlung des Frankfurter Gebietes.

Diese dramatische Entwicklung wird noch augenfälliger, wenn man bedenkt, daß die Bevölkerung in der City abnimmt, im eigentlichen Stadtgebiet stagniert und nur in den Randzonen wächst. Die Zunahme außerhalb der Stadt ist aber sowohl prozentual als auch absolut größer als die der Randzonen, und das bedeutet, daß das neue Frankfurt außerhalb seiner Stadtgrenzen entsteht. Zuerst zogen nur die besseren Leute an den Taunushang; er ist noch heute übersät mit Villen in allen Stilarten, von der gotischen Burg bis zum Jugendstil-Schloß. Später drängten alle nach, die sich ein Auto leisten können, und das ist heute so gut wie jedermann.

Zur Zeit entsteht nun eine Siedlung, die endlich eine deutliche Konzeption erkennen läßt und so etwas wie ein hoffnungsvoller Modellfall werden soll: die Nordwest-Stadt nach den Plänen Walter Schwagenscheidts.

Er hatte noch bei den großen Architekten vor dem Ersten Weltkrieg (Bonatz, Riemerschmidt, Theodor Fischer) gelernt, die vorwiegend Theater, Bahnhöfe und Bismarcktürme planten. Nach dem Kriege tauchte dann der Begriff der Siedlung auf – und des „Zeilenbaus“, der nicht mehr zur Straße hin orientiert wurde. Das geschah 1925 bei einem Wettbewerb in Berlin, den Gropius gewonnen hatte. Doch schon 1921 hatte Schwagenscheidt Vorträge und Ausstellungen veranstaltet, um eine andere Stadtkonzeption zu propagieren, die „Raumstadt“.

Sie ist heute dazu ausersehen, die Zeilensiedlung abzulösen. Die Zeilen sollten jetzt nicht mehr hintereinander stehen, sondern Höfe bilden, ineinanderfließende Räume verschiedener Größe. Den Verkehr wollte Schwagenscheidt nach Fahr- und Fußgängerverkehr trennen. In die einzelnen Häusergruppen, die zu einem Raumkonzept zusammengefaßt waren, sollten nur Stichstraßen führen. Und diese Häusergruppen sollten räumliche Nachbarschaften darstellen.

Heute nun wird diese Vorstellung zum erstenmal bewußt verwirklicht. 1959 erhielten Schwagenscheidt und sein Mitarbeiter Sittmann nach einem Wettbewerb, der keinen ersten Preis erbrachte, den Auftrag, die Nordwest-Stadt in Frankfurt zu bauen mit Wohnungen für 20 000 Einwohner. Schwagenscheidt hatte mittlerweile seine Erkenntnis um zwei wesentliche Vorstellungen erweitert: Die Gebäudetypen sollten nach Grundriß und Höhe stark variieren, und die Autos sollten in unterirdischen Tiefgaragen verschwinden.

Sicherlich sind alle diese Ideen schon einmal so oder so verwirklicht worden; auch die Tiefgarage ist nicht neu, wie die Trennung des Fußgängerverkehrs vom Fahrverkehr eine alte Forderung ist. Trotzdem gibt es noch nirgendwo eine so bewußte Konzeption, die alle diese Einzellösungen zusammenfaßt wie in der Nordwest-Stadt.

Zum Vergleich: Nur zehn Kilometer von der Nordwest-Stadt entfernt, wird die „Limes-Stadt“ gebaut, entworfen von Hans Bernhard Reichow, der mit seinen Vorstellungen von der autogerechten Stadt Verdienste hat. Doch das Resultat hier ist erschütternd: Baukörper gleicher Höhe, gleicher Länge, ein bißchen aus der Marschordnung verschoben, werden von einer Autostraße umfaßt. Innen liegt eine Fußgängerzone. Es ist eine Zumutung, den Bewohner, wohin er auch blickt, auf immer das gleiche Gebäude blicken zu lassen. Auch das ist heutiger Städtebau. Er ist an Monotonie nicht zu überbieten.

Gescheiterter Versuch

Der Versuch, Städte im Widerstand gegen den rechten Winkel und die geometrische Ordnung zu bauen, ist gescheitert. Die Philosophie des Heimatstils, der organischen Gestaltung und des Schiefen und Asymmetrischen um jeden Preis, hat der Stadt ein hausbackenes Kunstgewerbe gebracht. Deutschland ist heute übersät mit solchen Offenbarungen der Nachkriegszeit. Etliche Planer sind einer Kultur des Handwerks verfallen gewesen, die Ästhetik des handwerklich Zufälligen wurde zum Gestaltungsprinzip gepflegt. So geschah es, daß sich der Städtebau der Nachkriegszeit im Widerstand gegen den rechten Winkel und die geometrische Ordnung verkrampft hat.

In der Nordwest-Stadt hingegen ist die Lebendigkeit ein dialektisches Resultat aus Spiel und strenger Methodik. Städte sind technische Bauwerke, und Technik verlangt rationale Prinzipien und geometrische Ökonomie – aber nur in den Methoden, nicht im Resultat, das kann sehr frei sein.

Die späte Ehrung für Schwagenscheid, der sein ganzes Leben nur einer Idee gewidmet hat, ist nach den Siedlungen von Ernst May in den zwanziger Jahren Frankfurts zweiter Beitrag zum internationalen Städtebau. Dies trotz einiger offensichtlicher Mängel.

Wer wohnt in den neuen Städten?

Die moderne Stadt erstrebt eine neue Gesellschaft, sie will als gesellschaftliches Gehäuse verstanden werden. Bestimmend war lange das Leidensbild des Kontaktlosen. Die neue Stadt wurde deshalb als Pflegestätte mitmenschlicher Beziehungen angeboten.

Man erhoffte sich damals Besserung durch die Bindungen, die eine (nicht zu große) Gemeinde vermitteln kann, auch wenn sie nun künstlich geschaffen wurden: durch die „Nachbarschafts-Siedlung“ in der Großstadt. Dazu gehörten „Überschaubarkeit“, Bildung eines Zentrums mit Schulen, Kirchen, Geschäften, Förderung des Fußgängerverkehrs, Bau von Gemeindehäusern. Die Absicht war klar: Die Leute sollten sich sehen, begegnen, grüßen, kennenlernen. Dann sollte aus dem Bewohner von Kirchheim schließlich ein Kirchheimer werden. Die Kommune sollte Kommunität und schließlich Initiative wecken. Wenn eine Großstadt schon zum Schweigen verdammt, das sich gelegentlich im Gebrüll Luft macht, werde, so dachte man, die Gemeinde zum Gespräch führen.

Doch dieses Bild war falsch und entsprach nicht im mindesten der Realität. Es gehört zur neuzeitlichen Emanzipation, daß man den allzu behütenden Bindungen entwachsen ist: Die Neuverheirateten trennen sich von den Eltern, um ihre eigene Welt aufzubauen; die Frau arbeitet wie der Mann, sie findet es unwürdig, mit der Nachbarin vor dem Lebensmittelgeschäft lange Gespräche zu führen, sie zieht den Selbstbedienungsladen dem kleinen Geschäft vor.

Die liberalisierten Interessen des Mannes wiederum führen zu freien Gruppierungen, die quer über das ganze Stadtgebiet verlagert sind. Auch in seiner Freizeit bedient er sich des Autos, um den Freund zu besuchen, den er mag, den Film zu sehen, für den er sich interessiert, und das Restaurant aufzusuchen, von dem er sich etwas verspricht. Er läßt sich nicht vom Fußgängerbereich seiner Wohnung sanftmütig dazu zwingen, Qualitätsansprüche und ausgeprägte Interessen zu opfern. Das Fernsehgerät ersetzt auch den Bierabend.

Gerade weil er Individualist ist, wählt er selbst, seine Bekannten, seine Ziele, seine Wege. Natürlich hat er Angst vor der Einsamkeit oder der Langeweile des Familienlebens, auch er sucht Gruppen. Aber er tanzt lieber auf einer Party als zu Gemeindemusik. Die Party ist tatsächlich ein treffendes Symbol für die Sozialität der Stadt. Die Stadt erlaubt es dem einzelnen, sich aufzulehnen, ohne daß er zum Helden zu werden braucht. Die Stadt ermöglicht den anonymen privaten Revolutionär, den Unabhängigen ohne Verhör durch die Öffentlichkeit.

Was hat das mit Frankfurt und mit seiner Nordwest-Stadt zu tun? „Nachbarschaft“ war das Schlüsselwort des Nachkriegsstädtebaues, und die Sozialidylle führte zur Bauidylle. Nachbarschaftlichkeit ergibt sich am besten im zweigeschossigen Reihenhaus, im Wohnblock bleibt man anonym. Noch in der Gründerzeit hat man vorwiegend fünf- bis sechsgeschossige Wohnblocks gebaut. Heute sind auch Großstädte wie Berlin, Hamburg oder München unter dem Segen staatlicher Förderung in ein Meer ländlich kleiner Bauten ausgeufert. Das Bausparkassenheim, welches das Haus aus Grimms Märchen verewigt, hat das Land wie ein Pilz überzogen.

Jedoch: die Nordwest-Stadt in Frankfurt kehrt das Verhältnis von Flach- und Hochbauten um, die Stadt gewinnt wieder Höhe und Dichte. Die Mehrzahl der Gebäude sind über sechs Stockwerke hoch. Es ist eine Stadt für Städter.