Der Prozeß gegen Jürgen Bartsch – Ein beispielloser Fall

Von Uwe Nettelbeck

Im Bereich des Vorstellungslebens ist der Ansatz jeder Erziehung und Disziplinierung des Gefühlslebens zu finden. Unter diesem Aspekt muß jeder Trieb als prinzipiell beherrschbar gelten, und der Trieb kann niemals für eine Krankheit als etwas Eigengesetzliches und dem Willen absolut Unzugängliches betrachtet werden.

Prof. Dr. Scheid und Dr. Dr. Bresser in ihrem psychiatrischen Gutachten über Jürgen Bartsch

Wer in diesen Tagen den Schwurgerichtssaal des Landgerichts Wuppertal betreten will oder muß, dem fahren Polizistenhände unter die Jacke und die Hosenbeine entlang. Morddrodrohungen aus der aufgebrachten Wuppertaler Bevölkerung begleiten den Mordprozeß gegen den einundzwanzigjährigen Jürgen Bartsch, der angeklagt ist, zwischen 1962 und 1966 vier Kinder getötet und an einem fünften einen Tötungsversuch unternommen zu haben. Die Jugend-Strafkammer des Landgerichts Wuppertal hat einen beispiellosen Fall zu verhandeln.

Seine leiblichen Eltern hat Jürgen Bartsch, der, als er geboren wurde, am 6. November 1946 in Essen, noch Karl-Heinz Sadrozinsky hieß, nicht gekannt. Der Mann, der ihm den ersten Namen gab, kehrte nicht aus Rußland zurück, und sein Vater, ein Arbeiter mit Familie und ohne Geld, mit dem sich Jürgens Mutter eingelassen hatte, als sie zu lange allein gewesen war, war weder willens noch in der Lage, sich um den Jungen zu kümmern. Noch im Jahr seiner Geburt starb Frau Sadrozinsky an Tuberkulose. Vorher schon hatte sie Karl-Heinz einem Waisenhaus überlassen.

Da schien es wie eine glückliche Fügung, daß sich die kinderlosen Metzgersleute Gerhard und Gertrud Bartsch seiner annahmen und ihn später adoptierten. Da hätte es mehrere Familien gegeben, die den kleinen Blondschopf hätten haben wollen, erklärt Gerhard Bartsch. Er sei ihr ganzes Glück gewesen, da sei er ganz schön herumgerannt, um all die Genehmigungen zu bekommen.