Literaturpreise haben nur Romane nötig

Von François Bondy

Wären nicht jeden Spätherbst die Literaturpreise fällig, die fünf oder sechs Romane bis in die letzten Bahnhofskioske tragen, so beherrschten die Zeugnisse, Erinnerungen, Essays und Sachbücher das literarische Leben in dieser Saison wie im vergangenen Jahr – und in der erzählenden Literatur blieben hohe Verkaufszahlen das Privileg von Autoren wie Jean Lartéguy oder Guy des Cars, die ohne jede Bemühung der Rezensenten ihre Hunderttausende von Lesern erreichen.

Dann wäre jetzt vor allem der Erfolg dreier Bücher festzuhalten: Malraux’ "Antimémoires" (Gallimard), deren Leser dazu neigen, das "Anti" in Klammern zu setzen; Jean Tourncux’ "La Tragédie du Général" (Plön), aus dem hervorgeht, daß General de Gaulle einst, im inneren Exil wie auch im Privatgespräch, über ganze Völker und über einzelne Politiker womöglich noch schroffer urteilte als heute in seinen Pressekonferenzen (dürfen wir hoffen, daß Tournoux’ deutscher Verleger diesem Buch eine bessere Übersetzung angedeihen lassen wird als jenem über de Gaulle und Pétain?); und Jean-Jacques Servan-Schreibers "Le Défi américain" (Denoël), eine effektvolle Zusammenstellung alles dessen, was die Europäer im doppelten Sinn, der Unterwanderung und des Zurückbleibens, jetzt zu "Unteramerikanern" macht.

Mit seinem robusten Sinn für Publicity hat der Autor, der zugleich der Herausgeber von L’Express ist, den Mitgliedern der Goncourt-Akademie ein juristisches Gutachten zukommen lassen, wonach sein Buch auch als "Werk der Phantasie" für den höchsten Literaturpreis in Frage käme. Dieses Gutachten, das zuvor von Hand zu Hand ging, hat nun der Figaro litteraire veröffentlicht, und in den berechtigten großen Erfolg des wichtigen Buches mischt sich nun die leise Komik eines gar zu offenbaren Ehrgeizes.

Die Franzosen lesen ungemein gern Bücher über ihre Geschichte. Diesmal scheint Philippe Erlangers anekdotenreicher "Richelieu" (Librairie academique Perrin) das stärkste Interesse auf sich zu ziehen. Wie schade, daß Carl J. Burckhardts grundlegendes Werk über den Kardinal nicht übersetzt wurde.

Ein auch für Literatur bedeutendes Sachbuch ist das Porträt einer kleinen bretonischen Stadt, das der Soziologe Edgar Morin bei Fayard veröffentlicht: "Commune en France – La metamorphose de Plodemet."