Der Mainzer Humor bleibt eine ernste Sache

Von Harald Krooge

Mainz

Am 17. November verurteilte das Mainzer Schöffengericht den Dachdeckermeister Ernst Neger, 38 Jahre alt, an Stelle von zwölf Wochen Gefängnis zu 12 000 Mark Strafe. Neger habe, so lautete die Begründung, am 23. Januar 1965 beim Bau eines Stahlrohrgerüstes die Sicherheitsvorschriften mißachtet. Das Gerüst stürzte ein und begrub acht Arbeiter. Der 53jährige Anstreicher Paul Heinz starb.

Manche Boulevardzeitungen widmeten dem Prozeß Artikel auf der ersten Seite. Denn Ernst Neger ist der singende Dachdecker vom Rhein, der Top-Star der Mainzer Fastnacht. Seit 1947 gilt sein Seelentrösterliedchen „Heile, heile Gänsche“ als Hymne der Gefühlsbewegten, seit 1956 leiern weindurstige Kehlen in den närrischen Tagen oftmals bis zur Erschöpfung immer und immer wieder den nicht weniger berühmten Schlager „Humba-Tätärä“ herunter. In dieser Saison soll das Wunder vom „Heile Gänsche“ wiederholt werden. Der Titel der neuen Platte heißt „Putz Dir schnell die Träncher ab“.

Aber nach seiner Verurteilung versteht der prominente Spaßmacher plötzlich keinen Spaß mehr: „Einer weitverbreiteten Lüge zum Nachteil meiner Person“ versucht Ernst Neger mit den Mitteln der Technik zu begegnen. Ruft ein Journalist an, koppelt der Dachdeckermeister seinen Hörer mit einem Tonbandgerät. Und der Rechtsanwalt steht ihm zur Seite. Denn Negers Verbitterung hat sich nach dem Gericht nunmehr auch auf die Presseleute ausgedehnt. Sie haben nach des Karnevalisten Ansicht zu einer Hetzkampagne aufgerufen. Schließlich trifft auch das Fernsehen die Strafe des Verzagten: „Ich wünsche es sonstwo hin, weil es mich so bekannt gemacht hat, daß man nicht einmal mehr mit Anstand eben rausgehen kann.“

Also will Neger in Zukunft nur noch schweigen. Ob es stimmt, daß er gesagt hat, für ihn gäbe es keinen Frohsinn mehr? Ob – wie die Zeitungen zitierten – er tatsächlich seinen Abschied von der Fastnacht verkündet habe? Er möchte sich die ganze Sache noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Erklärungen werden nicht mehr abgegeben.