Östlich von Suez hat Großbritannien vorige Woche eine seiner letzten Bastionen geräumt. Nach28 Jahren britischer Kolonialherrschaft proklamierte Präsident Kathan As-Schaabi (47) die unabhängige „Volksrepublik Südjemen“. Der junge Staat (700 000 Einwohner) ist etwa so groß wie Italien und umfaßt du Scheichtümer und Sultanate der ehemaligen Südarabischen Föderation, die Hafen- und Industriestadt Aden und das Ost-Aden-Protektorat. Die Volksrepublik strebt außerdem eine Vereinigung mit der im Norden benachbarten Republik Jemen an.

Bis zur Verabschiedung einer endgültigen Verfassung wird der Südjemen von einem Elfer-Kabinett geleitet (Durchschnittsalter: Mitte dreißig), das sich aus dem Generalkommando der „Nationalen Befreiungsfront“ (NLF) rekrutiert.

Mit Geld, Waffen und moralischem Zuspruch vom ägyptischen Staatspräsidenten Nasser unterstützt, hatte die NLF seit Oktober 1963 um die Vorherrschaft in Südarabien gekämpft. Neben den Briten und ihren feudalistischen Schützlingen zählten die arabischen Nationalisten der „Front for the Liberation of the Occupied South Yemen“ (FLOSY) zu ihren schärfsten Widersachern. Zweimal, 1965 und 1966, versuchte Nasser vergeblich, die Rivalen zu versöhnen. Danach fiel die NLF in Kairo in Ungnade, eine Reihe ihrer Führer wurde dort unter Hausarrest gestellt.

Gleichwohl blieb Nasser das Idol der Bewegung. Die NLF orientierte sich außerdem an der algerischen Befreiungsfront, an Mao Tse-tung und Ché Guevara. Von As-Schaabi trefflich in Zellen organisiert, vom jetzigen Außenminister Seif Dahli extrem sozialistisch und nationalistisch indoktriniert, versuchten die Rebellen, die Bevölkerung mit Gewalt auf ihre Seite zu ziehen.

Anders als FLOSY aber, die unter den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern Adens starken Rückhalt hatte, verschaffte sich die NLF im unterentwickelten Hinterland Macht und Einfluß. Mitte des Jahres hatte sie bereits die meisten Scheichs und Sultane vertrieben. Im Juni bewies eine von der NLF inspirierte Revolte der südarabischen Armee (8000 Mann), daß auch die Tage der Föderationsregierung gezählt waren.

Im November trat die NLF schließlich zur Entscheidungsschlacht gegen die FLOSY an, die sie mir Hilfe der Armee gewann. Die Briten, seit dem Sommer 1964 ohnehin zum Rückzug aus Aden entschlossen, mußten As-Schaabi und seine bis dahin weithin unbekannten Hintermänner als Verhandlungspartner akzeptieren.

In Genf wurden vorige Woche die Modalitäten der Machtübergabe ausgehandelt. Bis zuletzt aber blieben zwischen As-Schaabi und dem britischen Delegationsführer Lord Schackleton zwei Fragen umstritten: die britischen Subventionen und die Ansprüche auf Inseln im Roten Meer und im Indischen Ozean.

Arm an Bodenschätzen, Industrie und landwirtschaftlicher Kultur bezog Südarabien bislang ein Drittel seiner Einkünfte von der britischen Garnison. Nach dem Abzug der Engländer bleibt es daher auf fremde Hilfe angewiesen.

As-Schaabi forderte von Lord Schackleton eine Milliarde Mark als Kompensation für die mehr als hundertjährige Kolonialherrschaft. Die von eigenen Wirtschaftsnöten bedrängte Regierung Wilson – die ursprünglich 600 Millionen versprochen hatte – sagte zunächst jedoch nur 120 Millionen Mark für das erste Jahr der Unabhängigkeit zu.

Sodann wollten die Briten der Volksrepublik zwar die Inseln Per im (strategisch wichtig), Kamann und Sokotra, nicht aber die Kuria-Muria-Inseln übergeben. Der Sultan von Muskat und Oman hatte sie 1854 der Königin Victoria vermacht, und einer seiner Nachfahren hat sie jetzt zurückerhalten. Doch Kahtan As-Schaabi protestierte und ernannte einen Gouverneur für Kuria Muria. Die 78 Inselbewohner sollen mit dem Südjemen vereinigt werden – eventuell auch mit Waffengewalt.