Von Roll Italiaander

Oscar Niemeyer, dessen Name mit dem Bau von Brasilia eng verknüpft ist, gehört zu den berühmtesten Architekten der Welt. Rolf Italiaander sprach mit ihm in Buenos Aires. Am 15. Dezember wird Oscar Niemeyer 60 Jahre alt.

Der weltberühmte Architekt Oscar Niemeyer ist eine schwer faßbare Künstlerpersönlichkeit. Zur gleichen Zeit, da er unlängst das neue festungsartige Gebäude der Kommunistischen Partei Frankreichs für den Pariser Colonel-Fabien-Platz entwarf, entwickelte er eine optisch wohlgefällige Anlage für ein Dominikaner-Kloster in Sainte-Baume bei Marseille. Niemeyer ist ein sportlicher, nach der neuesten Mode gekleideter Mann, der auch noch als Sechzigjähriger (er ist längst Großvater) auf Frauen wirkt. Sein Privathaus in den Canoa-Bergen bei Rio ist eine „Traumvilla“, zwischen Palmen und Orchideen in eine Felsmulde gebettet, ein Buenretiro, wie es jedem extravaganten Hollywood-Star vorzüglich anstehen würde.

Niemeyer will allerdings von der kapitalistischen Welt nichts wissen; er ist Sozialist und Bewunderer der kubanischen Revolution. 1963 erhielt er den Lenin-Friedenspreis. Er bezeichnete sich damals als einen Kommunisten. Von der gegenwärtigen Regierung Brasiliens unter Präsident Costa e Silva hält Niemeyer ebenso wenig wie sie von ihm. 1964 verlor er, mit vielen anderen Bürgern seines Landes, für zehn Jahre seine politischen Rechte. Die Maßnahme richtete sich, nach Angaben der Regierung, gegen kommunistische Infiltration, Korruption und Mißwirtschaft. Niemeyer war zeitweise außer Landes; er baute in Israel und in Libanon. Jetzt lebt er meist wieder in Rio de Janeiro.

Im Frühsommer 1967 hat Niemeyer für Brasilia einen neuen Flugplatz entworfen, der ihm, wie Experten sagen, vortrefflich gelungen ist. Aber der Aeroporto Niemeyers soll trotzdem nicht gebaut werden, sondern es sollen konventionellere Pläne einer Generalsgruppe, die zur jetzigen Regierungsgruppe gehört, realisiert werden. Mehrere Anwälte bemühen sich, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Er sagte zu mir: „In Brasilien muß ein Architekt und Städtebauer gleichzeitig ein guter Advokat sein, sonst wird er von Parteien und Funktionären sterilisiert.“ Es tröstete ihn wenig, als ich bemerkte, in Europa sei das oft ähnlich.

Ich sah Niemeyer erst, nachdem ich Brasilia besucht hatte. Die „Cidade Ceu“ („Die himmlische Stadt“) war für mich eine Enttäuschung, fast ein Alptraum. Aus dem Flugzeug wirkt die Gesamtanlage imponierend; überhaupt ist Brasilia photogen. Aber schon, wenn man mit dem Auto in die Stadt einfährt, nimmt es einem fast den Atem. Die überaus breiten Hauptstraßen sind nur für Fahrzeuge bestimmt. Menschen sieht man irgendwo in der Ferne. Brasilia machte auf mich den Eindruck einer Geisterstadt, wo der Mensch nicht zählt. Vom großen „Hotel National“, dessen Zimmer mit Möbeln, wie man sie aus altmodischen Pensionen im Harz kennt, eingerichtet sind, gelangt man nur im Auto zu anderen Stellen der Stadt.

Die städtischen Busse verkehren, trotz fester Fahrpläne, unregelmäßig. Diplomaten versicherten mir, jeden Tag fielen etwa acht bis zehn Busse aus, sie blieben reparaturbedürftig irgendwo am Straßenrand liegen. Die Chauffeure könnten die Busse weder pflegen noch reparieren, noch gäbe es gute Reparaturwerkstätten. Arbeiter und Angestellte kämen wegen der unzulänglichen Transportmittel selten pünktlich, häufig sogar überhaupt nicht zur Arbeit. Ein Botschafts-Chauffeur, der in einem Appartementhaus in der obersten Etage wohnt, erzählte mir, daß seine Frau, wenn es regnet, die Möbel mit Plastic zudecke, weil das Dach nicht dicht sei. Über Wohnungsschäden klagten fast alle Einwohner von Brasilia.

Beim schnellen Bau ist unverantwortlich geschludert worden. Zahlreiche neue Häuser haben unreparierbare Risse in den Wänden. Allerorten beobachtet man gesprungenen Beton, herabfallenden Putz, klemmende Türen und Fenster. Am riesigen Omnibusbahnhof ist von den Bedachungen hier und da bereits der Zement heruntergefallen, die verrostete Bewehrung ragt wie von Häusern, die unter Bombenhagel gelitten haben, in den Himmel. Im Landwirtschaftsministerium ist schon zweimal wegen schlechter Leitungsisolierungen Feuer ausgebrochen; sehr wichtige Archive der brasilianischen Volkskunde sind verbrannt. Der Marmor an Niemeyers Parlamentsgebäude zeigt Risse, aus denen Blumen und Gräser wachsen. Brasilia ist erst sieben Jahre alt!

Das eigentlich Niederschmetternde ist jedoch die mangelnde menschliche Wärme, die in der unorganischen Stadt trotz der heißen brasilianischen Sonne, die sie bescheint, spürbar ist. In Brasilia ist auf seelische Bedürfnisse des Menschen keine Rücksicht genommen worden. Es ist eine gar zu künstlich und gigantisch konstruierte Phantasterei. Der Snobismus triumphiert. Die Situation erinnerte mich an Chandigarh, die neue Hauptstadt des indischen Staates Pandschab, die Niemeyers Lehrer und Freund Le Corbusier gebaut hat: gleichfalls Beton gewordene Eitelkeit.

Die neue Hauptstadt Brasiliens hat dem brasilianischen Staat schon derart viele Milliarden gekostet, daß er am Rande des wirtschaftlichen Ruines dahinvegetiert. Doch man kann Brasilia nicht einfach vergessen, obwohl viele das gern täten. Nach und nach ziehen nun die Botschaften aus Rio de Janeiro nach Brasilia um, weil die brasilianische Regierung das fordert; der Präsident hat jetzt seinen festen Amtssitz und Wohnsitz hier. Mancher Diplomat möchte sich allerdings lieber heute als morgen in ein anderes Land versetzen lassen. Die Umgebung von Brasilia bietet wenig, nur Schwimm- oder Jagdmöglichkeiten. Am Wochenende sind die Flugzeuge ausgebucht, weil so viele, die sich eine Flugreise leisten können, dieser unmenschlichen Stadt entfliehen wollen.

Über all das mußte ich mit Oscar Niemeyer sprechen. Ich fragte ihn: „Sind Sie zufrieden mit Brasilia, wie es nun besteht? Wenn auch der Anlageplan von Ihrem Freund Lucia Da Costa stammt, so ist doch Ihr Name für immer aufs engste mit Brasilia verknüpft.“

Oscar Niemeyer antwortete: „Meine Aufgabe in Brasilia beschränkte sich auf die Regierungsgebäude und auf die Architektur im strengen Sinne. Doch ich muß ihnen antworten; und ich will Ihnen, vielleicht zu Ihrer Überraschung, sagen, daß Brasilia nicht erfüllt hat, was wir von ihr erwarteten, was wir erhofften, obgleich diese Hoffnung durch nichts gerechtfertigt war.

Brasilia wurde in vier Jahren erbaut, in vier Jahren ununterbrochener Arbeit, bei Tag und Nacht; denn wir mußten den Termin einhalten, der für die Einweihung der neuen Hauptstadt festgesetzt war (21. April 1960). Unsere Arbeit war nicht leicht, aber wir stellten uns allen Schwierigkeiten entgegen: der kurzen Frist, den finanziellen Beschränkungen, haßerfüllten Intrigen, die darauf abzielten, den Bau zu lähmen.

All das wurde überwunden, und Brasilia wuchs empor in der Wüste mit der Kraft unserer Begeisterung. Wir mußten zu einem Team werden, uns formieren, fast wie zu einem Kreuzzug; und so wuchs unter uns jenes Gefühl gemeinsamen Kampfes, gemeinsamer Begeisterung und gemeinsamer Opfer, welches die Menschen einander nahebringt und die Kräfte zusammenschließt. Wir wohnten in gleichen Häusern, aßen im selben Restaurant, sogar unsere Kleidung unterschied sich nicht. Und das ließ uns die Welt der Diskriminierung, in der wir leben, vergessen, so als könne der Bau Brasilias sie verändern und jenen Zustand der Gleichheit bewahren, den wir hier zum erstenmal erlebten.

Wie sehr haben wir uns getäuscht! Mit der Einweihung der Stadt wurde alles anders. Wie entstand zwischen uns – Ingenieuren und Arbeitern – wieder die verhaßte Barriere der Ungleichheit und Ungerechtigkeit der kapitalistischen Welt.

Es ist unbestreitbar, daß Brasilia auch positive Aspekte hat, sowohl in der städtischen Konzeption wie in der Architektur; und sie erfüllt zweifellos ihre Funktion: das Land zu erschließen und Fortschritt und Zivilisation in die verlassenen Gegenden zu tragen. Im übrigen aber, in ihrem städtischen Leben, veränderte sie sich und wurde nach ihrer Einweihung zu einer Stadt wie jede andere, mit denselben Kontrasten von Armut und Reichtum, die das brasilianische Leben so traurig kennzeichnen.“

Zur Kritik an Brasilia sagte Oscar Niemeyer: „Es ist leicht, ein fertiges Werk zu kritisieren. Schwieriger ist es, eine Idee zu entwerfen und zu verwirklichen. Wir arbeiten hart in Brasilien. Ein gewaltiges Terrain muß noch gestaltet werden, und für theoretische Erwägungen haben wir keine Zeit. Im übrigen gestehe ich offen, daß ich mich niemals sonderlich um die Kritik an der Architektur gekümmert habe. Die Architektur Brasilias gefällt uns. Die Stadt ist stolz, wie es einer echten Hauptstadt ansteht. Besonders befriedigt uns, daß ihre Architektur phantasievoll gestaltet ist. Wir hatten den Mut, für unser Vorhaben alte Tabus zu beseitigen, die der Funktionalismus errichtet hatte; und wir erklärten freimütig, daß die Schönheit alles rechtfertige, da auch die Schönheit eine Funktion hat – und für die Baukunst eine der wichtigsten.“

Ich sprach ihn auf all die Mängel an, die ich gesehen hatte, und erwähnte einige Geschichten, die man sehr schnell erfährt, auch ohne Fragen à la Sherlock Holmes zu stellen. Vertreter aller Berufe sind an Brasilia skrupellos reich geworden. Nur eine der Geschichten: Der Abtransport von Erdreich wurde nach Lastwagen bezahlt. Es ist häufig vorgekommen, daß Unternehmer ihre Lastwagen von einer Baustelle aus dem Haupttor hinausfahren und sie eine Runde drehen ließen, um sie dann zu einem Nebeneingang wieder auf die Baustelle fahren und sie mit derselben Ladung ein zweites, drittes oder gar viertes Mal registrieren zu lassen. Aber das war nur eine der harmloseren Betrügereien. So wurde sehr viel miserables Baumaterial verwendet, das aber als „erstklassig“ in Rechnung gestellt worden ist.

Oscar Niemeyer äußerte sich zur Mißwirtschaft nicht, vielleicht deshalb, weil man seinen Freund, den damaligen Präsidenten, stark belastet hätte.

Ich brachte unser Gespräch auf die in der Nähe der Hauptstadt entstandenen Siedlungen wie Gama. Sie bestehen aus kleinen Häuschen, wie man sie ähnlich in deutschen Schrebergärten finden kann: zwei Zimmer, Küche und Bad. Dutzende solcher Häuser sind in kurzen Abständen nebeneinander gesetzt. Wenn man berücksichtigt, welchen Fortschritt der internationale Siedlungsbau in aller Welt gemacht hat, sträuben sich einem hier die Haare. Man fragt sich: Wissen denn Niemeyer und seine Kollegen nichts von Siedlungen eines Ernst May beim Niddatal-Projekt, eines Max Taut in Berlin, nichts von den mustergültigen Siedlungen des Holländers Oud oder des Engländers Roehampton?

Oscar Niemeyer erwiderte: „Die Stadt Gama entstand spontan und unplanmäßig; man konnte nichts tun, um sie unter Kontrolle zu halten. Brasilia ist für die weniger begünstigten Klassen unseres Landes, vor allem für die Landarbeiter, das Land der Verheißung. Und sie strömten herbei, aus allen Gegenden Brasiliens, die gewaltige Welt der Armen, zu der der größte Teil unserer brasilianischen Brüder gehört. Wir hatten im Bezirk des Piano Pilôto (dem Stadtplan von Brasilia) so viele und bedeutende Verpflichtungen, daß wir es ablehnen mußten, die Zusammenballung in Gama zu organisieren; sie entzieht sich unserer Kontrolle. Ihre sozialen Gründe sollte man begreifen und respektieren.“

Mich bestürzte diese Antwort. Betont Oscar Niemeyer nicht immer wieder seinen Sozialismus? Sollte nicht gerade eine Arbeitersiedlung für einen Lenin-Preisträger von besonderer Wichtigkeit sein?

Außer diesen neuen Siedlungen sind in der Nachbarschaft von Brasilia „wilde Siedlungen“, wie die „Cidade Livre“ („Die freie Stadt“), entstanden: Blechbuden, Holz- und Lehmhütten oder primitive Steinhäuser. Diese Siedlungen haben bisher keine Kanalisation, sie ist allerdings geplant; denn es ist nicht damit zu rechnen, daß ihre Bewohner je wieder abziehen. Aus dieser Erwägung wurden auch bereits Lichtanlagen geschaffen. Wie dem auch sei: neben der „Wunderstadt Brasiliens“ sind innerhalb kürzester Zeit Favelas, Elendsviertel, entstanden.

Oscar Niemeyer gab dazu diesen Kommentar: „Gama, Cidade Livre und so weiter repräsentieren Brasilien, ein gewaltiges Land, das fast einen Kontinent bedeckt, das eines Tages reich und mächtig sein wird, jedoch heute – unterentwickelt – nur Diskriminierung, Ausbeuterei und Ungerechtigkeit aufweist. Darum haben uns die Favelas von Brasilia nie beschäftigt; Favelas erstrecken sich von Norden bis Süden über unser Land wie ein Aufschrei der Empörung gegen die bestehenden Privilegien. Beschäftigen muß uns dagegen der Kampf gegen das Elend und die Unterentwicklung in unserem Lande. Darum verbinden wir uns mit den fortschrittlichen Kräften und kämpfen gegen den Imperialismus, gegen die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Unter den gegebenen Umständen muß der Architekt, wie auch jeder andere, begreifen, daß die Architektur nicht von primärer Bedeutung ist und daß andere, wichtigere Probleme, die in engerem Zusammenhang mit der Existenz stehen, seine Mitarbeit erfordern. In Brasilien sind es unsere Brüder, die Hunger leiden, es sind Freiheit, Gerechtigkeit und Staatsführung, die unser aller Mitarbeit verlangen.“

Ich hatte zahlreiche brasilianische Favelas besucht. Welche Armut, welche Not, welche Hoffnungslosigkeit für Hunderttausende, zumal die brasilianische Regierung nicht genügend tut, um die Ausbreitung der Favelas zu verhindern. Und da erklärt nun der Sozialist Niemeyer einerseits, die Favelas hätten „uns nie beschäftigt“, andererseits postuliert er die Verbrüderung mit den „fortschrittlichen Kräften“ und so fort. Aus seinem Munde klangen diese Funktionärsphrasen peinlich.

Immer wieder stellte ich die Frage, ob denn dieses Brasilia nicht ein Verrat am Humanismus sei, weil der Mensch durch die städtebauliche Konzeption und die da hineingefügte Architektur nur noch Computer sei. Oscar Niemeyer erwiderte kurz: „Ein humaneres Brasilia fordern gerade jene Einwohner der neuen Hauptstadt, die nichts zu fordern haben: die Bürgerlichen, die eine Welt von Vergnügungen und Äußerlichkeiten wünschen, die Brasilia ihnen nicht bieten kann ... Brasilia ist ein Gemisch von Hauptstadt und Provinz; eine Stadt, die zu körperlicher und intellektueller Arbeit bestimmt ist. Wer sie versteht, kann sie nicht hassen.“

Doch die Menschen in Brasilia sind in keiner Weise anders als in anderen Städten Brasiliens. Wenn die Stadt und ihre Architektur überzeugten, dann würde sich hier doch sicher auch soziologisch irgend etwas Neues entwickeln. Weder Niemeyer noch die Beamten der Stadt konnten darüber etwas berichten. Aber sehr bald stellte sich heraus, daß auch in dieser „Stadt der Zukunft“, wie in den Randgebieten, die Anhänger afrikanisch-brasilianischer Kulte – wie Umbanda – zunehmen. Diese Kulte sind synkretistischer Natur, Verschmelzungen wiederbelebter afrikanischer Naturreligionen mit Katholizismus, keine Religion mit neuen Perspektiven, sondern ein Rückfall in primitives Spiritistentum, verbunden mit Elementen modernen folkloristischen Schaubedürfnisses.

Stefan Zweig soll das Wort geprägt haben: „Brasilien ist das Land der Zukunft und wird immer das Land der Zukunft bleiben.“ Ein zynisches Wort, gewiß, aber ein Wort, das zugleich die Tragik brasilianischen Bemühens umreißt, für das der Architekt Oscar Niemeyer sicherlich einige bemerkenswerte Meilensteine gesetzt hat. Als ein Anreger verdient er ungeachtet seiner Irrtümer Respekt; und gerade jetzt, in der Zeit zunehmender ökonomischer, sozialer, innen- und außenpolitischer Krisen sollte man ihn mit Aufgaben bedenken, bei denen der smarte und vielleicht etwas zu schicke Sozialist demonstrieren kann, wie er sich als Architekt den Kampf zugunsten der Armen und Unterdrückten nach den Erfahrungen in Brasilia vorstellt.

Er hat noch genug Zeit, die Irrtümer von Brasilia zu korrigieren. Auch wenn Brasilia eine Enttäuschung ist, dürfen neue städtebauliche Experimente nicht gescheut werden.