Ein beispielloser Fall – Der Prozeß gegen Jürgen Bartsch (II)

Von Uwe Nettelbeck

Bei sachlicher Situationsbetrachtung stellen aber viele von den Tiefenpsychologen herausgearbeitete dynamische Milieubedingungen keine ernsthaften Konfliktsituationen, sondern alltäglich vorkommende Gegebenheiten dar ... auch wenn heute durch eine kritiklose Anwendung des Neurosebegriff es alles getan wird, um die Grenze gänzlich zu verwischen ... in unserer Zeit eine starke Tendenz besteht, die erzieherisch ungünstigen Milieueinflüsse und die tatgestaltenden äußeren Umstände zu überbewerten.

Privatdozent Dr. Dr. Bresser, Sachverständiger im Bartsch-Prozeß, in seiner 1965 erschienenen Habilitationsschrift "Grundlagen und Grenzen der Begutachtung jugendlicher Rechtsbrecher"

Früher, vor dem 21. Juni 1966, dem Tag, an dem sein noch nicht zwanzigjähriger Adoptivsohn Jürgen unter dem Verdacht des vierfachen Mordes von der Wuppertaler Kriminalpolizei aus dem Bett geholt und verhaftet wurde, war das Leben für den Metzgermeister Gerhard Bartsch eine zwar harte, aber klare, von klaren Notwendigkeiten beherrschte Sache gewesen, die aus zwei Metzgerläden, zwei Kraftfahrzeugen, einer Frau, einem Sohn und einem eigenen Haus bestand.

Heute will dem Metzgermeister Gerhard Bartsch manches nicht mehr in den Kopf rein. Früher, da packte er Widrigkeiten an und stand sie durch, ohne viel zu fragen, und machte sich nichts daraus, wenn seine Kollegen auf dem Schlachthof ihn den dummen und dösigen Metzger aus Langenberg nannten.

Heute stellt Gerhard Bartsch Fragen, die er früher nicht gestellt hätte. Ob denn niemand ihm das, was da geschehen sei, was er einfach nicht begreife, erklären könne. Ihm habe noch keiner die Wahrheit gesagt, bis heute noch nicht, wandte er sich an das Gericht, das ein Urteil über seinen Sohn zu fällen hatte.