Neun Verhandlungstage lang wurde Walter Wülfing nicht müde, seine richterliche Unabhängigkeit zu beschwören. Sie zu beweisen, war ihm verwehrt. Und so geriet ihm zur Karikatur, was er darstellen wollte. Zwei Tage lang nahm sich Walter Wülfing die Freiheit, dem Saal einen redelustigen Richter zu präsentieren, Jürgen Bartsch zu unterbrechen, wann immer es ihm einfiel. Erst am dritten Tage begriff er, daß ihm diese auf Kosten des Angeklagten demonstrierte Unabhängigkeit, die ihm keiner verwehrte, zur "Willkür verkam, zu einem eitlen Versuch, vom Schatten des Jahrhundertfalls zu zehren.

Aber was Walter Wülfing auch an vermeidbar Peinlichem unterlief, vor allem während der Vernehmung einiger minderjähriger Zeugen, die er zu Niemandes Nutzen zu wenig schonte, peinlicher war, was er nicht vermeiden konnte — daß der Eindruck einer abgekarteten Inszenierung entstand, daß dieser Prozeß bei aller angestrengten Gründlichkeit jenen fair trials glich, die eine beschlossene Hinrichtung präludieren. Das allzu althergeholte Pathos, das seine Urteilsbegründung durchzog, in der es allzu ungebrochen vom Recht zur Rache raunte, übertönte nur allzu schrill dieses Richters Verlegenheit, dem die Dürftigkeit des Wissens, auf das er seine Entscheidung stützen mußte, nicht entgangen war, der nur nach bestem Gewissen entscheiden konnte, wo er lieber guten Gewissens entschieden hätte.

Es waren nicht Walter Wülfing und seine Beisitzer, die in Wuppertal versagten. In Wuppertal versagte die psychiatrische Wissenschaft. Es waren die mit der Exploitation Jürgen Bartschs betrauten Gutachter, die es versäumten, wenn nicht für ein erträglicheres Urteil, was vielleicht nicht in ihrer Macht lag, so doch für eine erträglichere Verhandlung zu sorgen.

Wie selten in einem Prozeß kam es in diesem darauf an, die Strecke zu vermessen, um die unser Wissen vom Verbrechen unserer Behandlung des Verbrechens voraus ist. Die Wissenschaft hatte hier die sich nicht immer so deutlich bietende Chance, nachdrücklich auszusprechen, daß zu viele unserer Gesetze unsere Richter zu häufig zwingen, wider besseres Wissen zu verurteilen. Das hätte Jürgen Bartsch nicht mehr geholfen, auf dessen sichere Verwahrung auch die Nachsicht hätte dringen müssen, aber doch geholfen, die notwendige Überlegung zu popularisieren, ob die Verwahrung, die hier die einzig sichere war, in einem Fall wie diesem die richtige ist und die einzige bleiben soll. Die in Wuppertal versammelte Wissenschaft verzichtete.

Sie gab sich mal forsch, mal poetisch, mal amateurkriminalistisch in Professor Lauber, dem Direktor des Landeskrankenhauses in Langenfeld.

Professor Lauber begann seinen vernichtenden Vortrag, dessen Ziel die rigorose Erklärung war, daß es in diesem Prozeß ein Ungeheuer abzuurteilen gelte, wenn auch ein normales und überdies intelligentes Ungeheuer, das hinter der vermeintlichen Krankheit aufzuspüren sei, mit dem Satz, daß über dem Saal, in dem er jetzt zu sprechen anhebe, tagelang lähmendes Entsetzen gelastet habe, das alle Zuhörer bis zum Abgrund des nicht mehr Faßbaren geführt habe. Und er schloß seine von keinerlei Bedenken getrübte Fassung des nicht mehr Faßbaren mit einer Reminiszenz an seinen ersten akademischen Lehrer, der weiland die Gelegenheit hatte, den berühmten Mörder Peter Kürten zu examinieren. Sein verehrter Lehrer habe damals, sagte Professor Lauber nicht ohne Rührung, seinen Vortrag über Kürten mit einigen Sätzen beendet, aus denen nur der mitleidende Arzt gesprochen habe. Das sei eine schöne Geste gewesen, die er wiederholen wolle. Diese Sätze, denen er sich anschließe, verlese er nun. Sie waren menschlich, so menschlich, daß selbst in einem Parteienverfahren auch der Staatsanwalt sie hätte riskieren können. Professor Lauber hielt ein Plädoyer gegen das Gutachten, das er nicht erstattet hat.