Von Marcel Reich-Ranicki

Wo man jene liebt, die singen, aber nicht denken können, und jene beargwöhnt, die denken können, aber nicht singen wollen, wo man das literarische Handwerk gern bagatellisiert und die dichterische Inspiration oft überschätzt, wo man Romanciers mißtraut, die es sich schwermachen, damit ihre Leser es leicht haben, wo man seit bald zwei Jahrhunderten vergeblich die Kluft beklagt, die das Publikum, das sich nach unterhaltsamer Lektüre sehnt, von der Kritik trennt, die immer nur nach der ewigen Kunst Ausschau hält, in Deutschland also kann sich ein Schriftsteller wie Graham Greene zwar einer beachtlichen Popularität, doch keiner nennenswerten Autorität erfreuen: Die besten seiner vielen Bücher finden auch in deutscher Sprache Hunderttausende von Käufern, werden indes von den meisten Rezensenten stiefväterlich behandelt oder ignoriert.

Allerdings hat Greene niemals verheimlicht, daß ihn der leidende Mensch mehr interessiert als alle Dichtung. Und der Ehrgeiz, mit dem Wort zu experimentieren und in unbekannte Bereiche der Literatur vorzustoßen, scheint ihm immer fremd gewesen zu sein: Seine Vorbilder suchte er nicht in der modernen Kunst, die ihm offenbar, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gleichgültig war, sondern eher im angelsächsischen Kriminalroman, in der erfolgreichen Trivialliteratur.

Ihre Ausdrucksmittel brauchte er, um seinen Ansichten und Vorstellungen die denkbar größte Verbreitung zu ermöglichen. Was er erreichen wollte, hat er in der Tat auf geradezu imponierende Weise verwirklicht: Die Bücher dieses britischen Katholiken wurden und werden von Millionen gelesen, für die sie nicht zuletzt bestimmt waren – von Andersgläubigen und Nichtgläubigen.

Den englischen Detektivroman hat Greene ausgiebig mit Weihwasser besprengt, ohne jedoch die wichtigsten Ingredienzen dieser Gattung je zu vernachlässigen: die Logik und die Ironie, die Intelligenz und die Psychologie. Ihm ist es gelungen, religiöse Kriminalromane zu schreiben, die spannend, und – seltener freilich – erbauliche Konversationsstücke, die amüsant sind. Er ist ein christlicher Missionar mit Witz und Humor, ein katholischer Prediger mit Charme und Toleranz.

Seine Bücher erzählen vom Kampf des Satanischen mit dem Göttlichen. Aber sie spielen weder im Himmel noch in der Hölle: Greenes Welt bleibt immer irdisch, sie ist menschlich und allzu menschlich. Denn was auf die meisten katholischen Schriftsteller von einiger Bedeutung zutrifft, auf die französischen zumal von Bernanos bis Mauriac, gilt auch für Greene: Nichts fasziniert ihn mehr als die Sünde.

Natürlich hat das seinen guten Grund: Greene will zeigen, daß sich das Individuum seiner Sündhaftigkeit und Schwäche bewußt werden muß, um seine Abhängigkeit von Gott zu begreifen. Niemand meint es ernster und aufrichtiger als Greene. Wer jedoch seine Bücher kennt, weiß, daß sich der Vorwurf, er kokettiere gelegentlich mit dem Laster und der Verderbtheit, so leicht nicht widerlegen läßt.

Auf jeden Fall waren für die Literatur, ob nun katholisch oder nicht, die Frevler und Sünder immer schon bemerkenswerter und auch ergiebiger als die Reinen und die Gerechten, weshalb sich ja als die vorzüglichste Gestalt des deutschen Theaters der leibhaftige Satan erwiesen hat.

Und wenn ein Romancier wie Greene gründlich und ausführlich die Taten und Erlebnisse vor allem der Verworfenen schildert, so kommt es nur auf die Wahrhaftigkeit der Darstellung an, wogegen den Umstand, daß hier das Bild des Negativen entworfen wird, um Gottes Barmherzigkeit und Größe nachzuweisen, jeder Leser ignorieren darf.

In der Tat braucht sich, wer solche Romane wie „Die Kraft und die Herrlichkeit“ oder „Das Herz aller Dinge“ genießen will, weder um ihre theologischen Voraussetzungen zu kümmern noch um die angestrebten pädagogischen Wirkungen. Vielleicht ist eben das eines der Geheimnisse, die den außerordentlichen internationalen Erfolg des britischen Katholiken ermöglicht haben: Er wußte Mauriacs qualvolle Passion zu verbinden mit Maughams kühler Perfektion.

Aber dieser Dualismus bewirkt zugleich, daß sogar die besten Bücher Greenes ein leises Unbehagen und einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Unterhaltung und Bekehrung, Sensation und Konfession, Kriminalität und Religiosität, Sexualität und Katholizismus – eine derartige Mischung kann nicht jedermanns Sache sein.

Doch Greenes handwerkliche Meisterschaft, seine – allerdings nur im Original – klare und durchsichtige Diktion, seine zuverlässige Beobachtungsgabe und die oft verblüffende und stets unaufdringliche Menschenkenntnis verdienen Bewunderung. Das gilt ebenfalls, wenn auch nur bedingt und nur in beschränktem Umfang, für das neue Buch –

Graham Greene: „Die Stunde der Komödianten“ Roman, aus dem Englischen von Hilde Spiel; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 373 S., 19,80 DM.

Wie in mehreren früheren Romanen Greenes bilden auch hier die politischen Wirren in einem exotischen Land den Hintergrund für eine dramatische und bisweilen melodramatische Handlung: Diesmal ist es die Negerrepublik Haiti um 1965.

Als Ich-Erzähler fungiert ein etwa sechzigjähriger Mann, ein ausgerechnet in Monte Carlo geborener und natürlich in einem Jesuitenkollegium erzogener Engländer. Er hat ein Verhältnis mit einer jungen Deutschen, deren Vater, ein übler Nazi, von den Amerikanern aufgehängt wurde und die jetzt, wie das in Romanen so oft geschieht, mit einem südamerikanischen Diplomaten verheiratet ist.

Zum Personal des Buches gehören überdies ein gutmütiger Vegetarier mit einer energischen Gattin sowie ein mysteriöser Abenteurer, der sich als harmloser Aufschneider und ewiger Versager entpuppt.

Am meisten stören mich in der „Stunde der Komödianten“ nicht die Klischees, sondern die zeitgeschichtlichen Akzente, wobei ich gern zugebe, daß mich nicht interessiert, was sich vor drei oder vier Jahren auf Haiti ereignet hat. Die Ausführlichkeit, mit der ich über die damaligen Zustände informiert werde, ist besonders ärgerlich, weil sich die hier beschriebenen politischen Verhältnisse aus dem Roman zwar nicht ganz wegdenken lassen, aber letztlich nur einen beliebig austauschbaren Hintergrund ergeben, eine Staffage bilden: Es sind mit Einzelheiten überladene und trotzdem oder eben deshalb blasse und undeutliche Kulissen.

Das trifft vor allem auf die zweite Hälfte des Buches zu, in der effektvolle Begegnungen und Situationen immer häufiger geboten werden, doch kaum mehr als Greenes Bemühungen verraten, den Lesern die jetzt nur noch belanglose und streckenweise willkürliche Geschichte etwas schmackhaft zu machen.

Seine verhaltene Melancholie und männliche Herbheit, die in diesem zweiten Teil kaum überzeugen können, lassen sich auf der literarischen Landkarte ziemlich genau placieren – etwa zwischen Conrad, Hemingway und Remarque, was auch als Hinweis auf das Qualitätsgefälle innerhalb der Epik Greenes verstanden werden kann: Von dem einen hat er die romantisch verbrämte Realistik, von dem anderen die Sensibilität und Brutalität, und an den dritten erinnert die Banalität und Sentimentalität.

Indes wird vieles, das in der „Stunde der Komödianten“ enttäuscht, durch einige erotische Szenen wieder ausgeglichen. Je mehr sich übrigens unsere Sachbuchautoren der Sexualität bemächtigen, desto größer werden offenbar die Schwierigkeiten der deutschen Erzähler, die wenigstens versuchen, auf die Liebe einzugehen. Das Publikum, dem dieses Thema mitnichten gleichgültig werden wird, sieht sich durch eine derartige literarische Abstinenz entweder auf Trivialbücher oder, was wünschenswerter wäre, auf Romane ausländischer Autoren verwiesen – wie etwa Greene.

Allerdings zeigt er hier nicht die stürmische Leidenschaft, die grenzenlose Liebe, sondern eher die Erotik des Alltags, die, ohne sich etwa dem Zynismus zu nähern, doch nie außer Kontrolle gerät: Ein reifer Mann liebt eine erheblich jüngere Frau. Sie wissen, daß ihre Liebe keine Zukunft hat, aber sie genießen ihre Gegenwart. Oft wollen sie, der lästigen Geheimhaltung müde, auseinandergehen, und müssen sich doch davon überzeugen, daß alles besser ist als Trennung. In mehreren Kapiteln hat Greene diese Beziehung mit großer Zärtlichkeit und nicht ohne Raffinement gezeigt.

Ja, und die Religion? Sie glänzt in der „Stunde der Komödianten“ vornehmlich durch Abwesenheit. Gewiß, wem es Spaß macht, der kann auch dieses Buch theologisch deuten: Greene, ließe sich behaupten, habe die Schicksale von Menschen vergegenwärtigen wollen, die leben, ohne zu glauben. Nur befürchte ich, daß eine solche Interpretation der These ähneln würde, alle Photos nackter Frauen hätten den Zweck, die Wunder Gottes zu preisen.

Erst ganz am Ende des Romans wird im Testament eines Katholiken und Kommunisten eine (freilich sehr bescheidene) Ermahnung formuliert, die man religiös verstehen kann: „Wenn Sie auch einen Glauben aufgegeben haben, geben Sie nicht allen Glauben auf.“

Anders als Somerset Maugham, der das menschliche Dasein darstellte, ohne sich um religiöse Fragen zu kümmern, und der Metaphysisches erst im Alterswerk behandelte, scheint Greene diesen Fragen, die für ihn stets im Mittelpunkt standen, jetzt auszuweichen. Das geht, weit mehr noch als aus der „Stunde der Komödianten“, aus seinem letzten Buch hervor –

Graham Greene: „Leihen Sie uns Ihren Mann“, Komödien der Erotik, aus dem Englischen von Hilde Spiel und Walther Puchwein; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 243 S., 16,80 DM.

Leider ist die Übersetzung fast aller zwölf Erzählungen schlecht. Es wimmelt von Ungeschicklichkeiten jeglicher Art. Da badet jemand „von der kleinen Felsenhalbinsel gegenüber dem Hotel aus im Meer“. Eine Frau fragt: „Sie sind über mich neugierig?“ Ihr Partner sagt ihr: „Sie werdem darauf gut schlafen.“ Gemeint ist jedoch nicht eine Matratze, sondern die mutmaßliche Wirkung des; angebotenen Whiskys. Ein Arzt erklärt: „Die Schule hat mich aufgefordert, meine Stelle zurückzulegen“ („he asked me to resign“, also etwa: „auf meinen Posten zu verzichten“). Im Zusammenhang mit einem Brief heißt es: „I knew someone had touched it“‚ also etwa : „Ich wußte, daß jemand ihn in Händen hatte“ oder „angefaßt hat“. Hingegen lesen wir: „Ich wußte, daß ihn jemand angegriffen hatte.“

Mitunter wollen die Übersetzer den Autor korrigieren. Aus „confidence“ (Vertrauen) machen sie „Selbstvertrauen“, was an dieser Stelle sinnlos ist. Wenn Greene die Größe eines Mannes mit „sechs Fuß“ angibt, phantasieren die Übersetzer: Er „überragte seine Gattin noch um gute zehn Zentimeter“. Gelegentlich werden in den Text – nicht etwa als Fußnoten – erklärende Bemerkungen eingeschoben. So fügen die Übersetzer zu dem von Greene erwähnten Namen „Humphry Ward“ hinzu: „jener fruchtbaren Romanciere der viktorianischen Zeit“.

Indes spricht es für diese Geschichten, daß ihre Qualität trotz einer so liederlichen Übersetzung erkennbar bleibt.

In den beiden längsten Stücken des Bandes erzählt Greene von einer etwa vierzigjährigem verheirateten Frau, die sich nach einem Ferienabenteuer sehnt und schließlich in dem Bett eines einsamen alten Amerikaners landet, und von einem jungen Mann, den zwei Homosexuelle gerade während seiner Hochzeitsreise verführen.

Aber auch mehrere der Kurzgeschichten sind sehr lesenswert – so die über den skurrilen Schularzt, der die Entstehung des Krebses dem Sexualleben zuschreibt, oder über das zarte Schoßhündchen, das seiner vornehmen Herrin entläuft, um sich endlich einmal im Dreck wälzen zu können. Und daneben fallen wieder einige erotische Prosastücke von großem Reiz auf.

Greene verzichtet jetzt auf die früher in seiner Epik obligaten Kraßheiten, auf das Reißerische, das ihm so viel Erfolg und wohl auch viel Geringschätzung eingebracht hat. Es zeigt sich, daß er der grellen Mittel nicht bedarf.

Ja, es will mir fast scheinen, als habe er noch nie so locker und entspannt geschrieben, so souverän und gelassen erzählt. Freilich riskiert er, daß mancher Leser hier und da für harmloses Geplauder hält, was in Wirklichkeit die kunstvolle Prosa eines urbanen Schriftstellers ist.

Von diesem heiteren Erzählungsband, in dem trotz aller Unbeschwertheit der traurige Unterton unüberhörbar ist, geht etwas Versöhnliches und doch nicht Lauwarmes aus: jene Ruhe, die immer zu den Kennzeichen guter Epik gehört.

Seine Gestalten zeigt Greene, der sich hier wieder einmal als ausgezeichneter Psychologe bewährt, mit Skepsis und Ironie, aber ganz ohne Härte oder gar Hochmut: Keiner einzigen entzieht er sein Wohlwollen.

Für puritanische Leser sind allerdings die meisten Geschichten dieses britischen Katholiken wenig geeignet. Denn er, der sich im Bereich des Erotischen auskennt, doch nie mit seinen Kenntnissen auftrumpft, verschweigt nichts. Und siehe: Da kann ein Erzähler alles unmißverständlich beim Namen nennen, ohne deshalb je schamlos oder vulgär zu wirken;

Die Diskrepanz, an der die Bücher Greenes häufig gelitten haben – zwischen dem hohen moralischen Anspruch und den nicht sehr wählerischen, bisweilen allzu konventionellen Ausdrucksmitteln –, ist hier ebenso überwunden wie seine dereinst permanente Suche nach dem sündigen Menschen. Und beides mag in einem direkten und wohl auch ursächlichen Zusammenhang stehen.

In Somerset Maughams merkwürdigem Buch „Rückblick auf mein Leben“ findet sich der verblüffende Satz: „Gute Prosa ist eine Angelegenheit guter Manieren.“

Große Literatur, wird man mit Recht einwenden wollen, beginnt erst jenseits aller Manieren; und vielleicht waren die von Dostojewski oder Faulkner geradezu miserabel. Gewiß, es genügt nicht, ein Gentleman zu sein, um ein Kunstwerk zu schaffen. Aber in einem bestimmten Sinne mag Maugham doch recht haben: Zur guten Epik gehören in der Regel nicht nur Geist und Talent, sondern auch Takt und eben gute Manieren.

Daß uns Graham Greenes Geschichten daran erinnern, ist ein Grund mehr, ihm dankbar zu sein.