Eine Woche nach Heiligabend wurde der Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche während der Silvesternacht erneut gestört: Als der Pfarrer mit der Bibellesung beginnen wollte, stimmte eine Gruppe linksradikaler Studenten – unter Führung der „Kommunarden“ Teufel, Langhans und Kunzelmann – den Sprechchor an: „Wir wollen diskutieren.“

Von der Kanzel herab versuchte der Geistliche vergebens, die Demonstranten zu beruhigen. Dann rief er die Polizei herbei, die sich vor der Kirche bereitgehalten hatte. Sie wurde mit dem Ruf „Bullen raus aus dem Gotteshaus“ empfangen. Im Handgemenge gingen einige Stuhlreihen zu Bruch, Vermittlungsversuche des Pfarrers blieben unbeachtet.

Nach zwanzig Minuten Tumult rettete der Organist die Situation: Er zog alle Register und intonierte lautstark das Lied „Eine feste Burg ist unser Gott“, in das die Gemeinde einfiel.

Der erste schwere Zwischenfall hatte sich in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche schon am Heiligen Abend ereignet. Acht linke Studenten störten den Gottesdienst mit Plakaten und Parolen.

Als sich die Kirchenbesucher zur Wehr setzten, stieg der SDS-Ideologe Rudi Dutschke auf die Kanzel. Von dort wurde er vertrieben und zum Ausgang gedrängt. Der Diplom-Ingenieur Friedrich Wachau schlug Dutschke mit seinem Invalidenstock auf den Kopf und brachte ihm eine Platzwunde bei.

Die Deutsche Presseagentur verbreitete später – nach Angaben der Polizei – der SDS-Mann habe „unter Alkoholeinfluß“ gestanden. Dutschke wurde von der Kirchengemeinde wegen „Hausfriedensbruch“ und „Störung des Gottesdienstes“ angezeigt – und wehrte sich selber mit einer Anzeige wegen „übler Nachrede“ und „unterlassener Hilfeleistung“.

Der bedrängte Revolutionär fand Unterstützung bei 31 Bremer Pastoren, die den Gemeindeältestenrat aufforderten, sich bei Dutschke zu entschuldigen. In einem Telegramm hieß es: „Es geht nicht an, daß die Sache der Elenden und Entmachteten, von Studenten vorgetragen, in unseren Gottesdiensten mit Feindseligkeit und gefährlichen Schlägen beantwortet wird.“