Baden-Baden

Vor dem Kurhaus ließ Baden-Badens Polizeichef Hans Meyer seine Polizisten mit friederizianischer Exaktheit im Karree aufmarschieren. Der Gegner stand in der Konzertmuschel. Rudi Dutschke, SDS-Chef aus Berlin, hatte seine Gefechtsstelle in die Provinz verlegt. "Das ‚goin‘ in das Kurhaus, die ‚Luststätte der Bourgeoisie‘ " (Dutschke) fand dennoch nicht statt. Die Polizei hatte die lautstärkeren Argumente: Phonstarke Lautsprecherwagen übertönten Dutschkes Parolen zu radikalem Tun.

Dies war vor Dutschkes Auftritt in der ruhigbehäbigen Kurstadt geschehen: Andreas Wiesand, Vizechef der Humanistischen Studenten-Union, und die Freiburger Studentenzeitungs-Chefin, Cornelia Wendt, hatten nach Weihnachten um den Kurhaussaal für eine Dutschke-Diskussion gebeten. Beide wohnen in Baden-Baden und versprachen sich durch den Berliner Doktoranden eine Belebung der kurörtlichen Wintertristesse. Der Antrag nahm seinen Dienstweg und landete schließlich bei Baden-Badens eigenwilligem Stadtoberhaupt Ernst Schlapper. Der 80jährige Oberbürgermeister, Hausherr und Vorsitzender der Bäder- und Kurverwaltung, stand noch unter dem Eindruck von Dutschkes weihnachtlichem Kanzelsturm in Berlin. Er befand: "Für Kirchenschänder, Rabauken und Flegel ist kein Platz in Baden-Baden. Das Kurhaus wird nicht freigegeben." Die Situation war da! Die Studenten und sich mit ihnen solidarisierende Schüler fühlten sich provoziert. Wiesand und Cornelia Wendt verschafften sich eine einstweilige Verfügung gegen den alten Herren. Schlapper darf fortan bei Androhung einer Geldstrafe seine forschen Ansichten über das Treiben der Links-Studenten der Öffentlichkeit nicht mehr dartun. Sie mit Worten wie "Rabauken" und "Kirchenschänder" zu belegen, wurde ihm untersagt.

Als der Berliner Ideologe eintrat, glich das Kurhaus einer belagerten Festung. Es regnete zudem in Strömen, als Dutschke die Konzertmuschel erklomm und sie als Tribüne benutzte. Von dort ließ er sich auch über seinen weihnachtlichen Berliner Kanzelsturm aus: "Dutschke kam mit fünf Demonstranten in eine Kirche, in der Hitler gesegnet wurde", erläuterte er. "Wir kamen, weil wir dem urchristlichen Sinn des Weihnachtsfestes wieder neuen Boden geben wollten und um gegen den Vietnamkrieg zu demonstrieren."

Dann aber mahnte das "Maschinengewehr der Revolution" zum Sturm auf das Kurhaus mit der Formulierung: "Jetzt gehen wir alle schön einzeln hinein." Schon dröhnten die Polizeilautsprecher: "Sie haben keine Chance, ins Kurhaus zu kommen", und übertönte die Revolution per Lautsprecher durch "Humba-Humba-Tätärä" und phonstarke Schiwago-Melodien aus der Polizei-Diskothek.

Dutschke steckte auf. Die Revolution tut sich in der Provinz schwer. Ihm wurde bestätigt, was er bereits vorher in einem Telegramm nach Baden-Baden gekabelt hatte: "Die Wehen der Revolution dauern lange." Dieter Zorn