Mit siebenhundert Rekruten

„Kennen Sie diese Leute? Haben Sie sie je getroffen?“ Das bin ich von Freunden, Zeitungen und Zeitschriften in der ganzen Welt oft gefragt worden, Nein, wir haben sie vorher nicht gekannt, doch wir lernten sie kennen. Georgios Papadopoulos hatte mehr Jahre in den Abteilungen der militärischen Abwehr verbracht als in der Armee selber. Er kannte sein Handwerk. Wegen seiner offenen Bewunderung für den ägyptischen Diktator von seinen Kollegen mit dem Spitznamen „Nasser“ belegt, war er ein argwöhnischer verschlossener, aber kluger und fleißiger Offizier gewesen. Es gibt eine Geschichte über ihn: Einige Monate vor dem Umsturz kam ein Mitglied der Stepanopoulos-Regierung zu Kostopoulos, dem damaligen Verteidigungsminister und bat ihn, General Spandidakis (dem damaligen Stabschef) zu sagen, diesen Obersten Papadopoulos nicht zum Chef der Abwehr in Athen zu machen: „Er ist eine umstrittene Figur. Die Offiziere mögen ihn nicht.“

Oberst Papadopoulos wurde damals zwar nicht zum Chef der Abwehr ernannt, dafür aber zum „Planungsstab des Armeegeneralstabs“ abgeordnet, einer Schlüsselposition, wo alle geheimen Organisations- und Katastrophenpläne aufbewahrt wurden – auch jener „Prometheus“-Plan, der angeblich Athen gegen einen Angriff schützen sollte. Dieser Plan wurde am 21. April gründlich studiert und fast ohne Änderungen befolgt.

Bereitete General Änderungen einen eigenen Putsch vor und gruppierte er alle die Offiziere, von denen er annahm, daß sie ihm im gegebenen Augenblick folgen würden, in Einheiten rund um Athen? Es läßt sich schwerlich ein anderer Grund für die Ansammlung all der bekannten Rechtsextremisten in den bedeutenden Militärlagern um die Hauptstadt finden. Er erlaubte auch General Pattakos, 700 ausgesuchte Rekruten in Athen zu konzentrieren, die ihre dreimonatige Ausbildung abgeschlossen hatten und nach dem Gesetz eigentlich in verschiedenen Einheiten außerhalb der Hauptstadt hätten versetzt werden müssen. „Wir werden wahrscheinlich Soldaten für den Wahltag brauchen“, hatte der Brigadegeneral erklärt. „Es wird vielleicht Unruhen geben, und die neuen Rekruten werden mit der Stadt nicht vertraut sein.“ General Spandidakis nahm diesen beispiellosen Bruch militärischer Prozedur hin. Jene 700 jungen Rekruten waren dann die „Kommandos“, die Athen einnahmen.

Leere Versprechungen

Am späten Abend des 24. April kam der neue Innenminister, Brigadegeneral Stylianos Pattakos, zu einem Besuch in unsere Wohnung. Ein kurzer, untersetzter Mann mit geradem Rücken, der seinen Anzug wie eine ungewohnte Uniform trug. Er sah blaß und todmüde aus, war aber überglücklich. Pattakos saß in einer Sofaecke, trank langsam seinen Whisky und beschrieb mit einer Art von kindlichem Vergnügen, wie er jeden übers Ohr gehauen hatte – den König, die Regierung und die Generäle. Aus patriotischen Gründen natürlich, aus Gründen nationaler Sicherheit.

„Vor welcher Gefahr haben Sie uns denn bewahrt?“ fragten wir ihn. Aber wir bekamen keine klare Antwort. Pattakos hatte eine schlaue Bauernart, seine buschigen weißen Augenbrauen zu heben, einen mit weitgeöffneten Augen anzusehen und der Antwort auszuweichen.