„Sie fallen wie die Fliegen, und keiner kümmert sich darum und begräbt sie. Ohne Arme und Beine und ohne Augen, mit zerrissenen Bäuchen liegen sie überall. Man sollte davon einen Film drehen, um den schönsten Tod der Welt‘ unmöglich zu machen.“

Aus dem letzten Brief eines unbekannten Soldaten in Stalingrad

Wer hat das Massensterben von Stalingrad zu verantworten? Die einfachste Antwort, deren sich fast ausnahmslos die überlebenden deutschen Generale in ihren Memoiren bedienen, lautet: Adolf Hitler, der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht und Oberbefehlshaber des Heeres. Er selber hat einiges dazu getan, die Generalität von der Schuldfrage zu entlasten: „Für Stalingrad trage ich allein die Verantwortung!“ sagte er am 5. Februar 1943, also drei Tage nach der letzten Kapitulation an der Wolga, zu Generalfeldmarschall von Manstein. „Ich könnte vielleicht sagen, daß Göring mir ein unzutreffendes Bild über die Möglichkeiten der Versorgung durch die Luftwaffe gegeben hat – und damit zum mindesten einen Teil der Verantwortung auf ihn abwälzen. Aber er ist mein von mir selbst bestimmter Nachfolger, und deshalb kann ich ihn nicht mit der Verantwortung für Stalingrad belasten.“

Manstein rechnete es Hitler hoch an, daß er sich, entgegen seiner üblichen Praxis, diesmal keinen Sündenbock suchte. Damit verrät der Feldmarschall wider Willen, daß auch er der geradezu diabolischen Schläue des Diktators nicht gewachsen war. Wohl hunderte Male hat Hitler das Wort Verantwortung in den Mund genommen – für ihn war es billige Münze. Aber er hatte sofort gewittert, wo er den Feldmarschall packen mußte, um dessen unausgesprochener Kritik zuvorzukommen: an seinem soldatischen Ehrgefühl. Im übrigen hatte er sich längst einen Sündenbock erkoren: Generalleutnant Heim, den Kommandierenden General eines Panzerkorps, der mit seinen schwachen Kräften den Durchbruch nordwestlich Stalingrad nicht hatte abriegeln können. Heim wurde nach dem Mißlingen des Gegenangriffs abgesetzt und ins Gefängnis gesteckt; in seiner ersten Wut wollte Hitler ihn sogar erschießen lassen. Vor dem deutschen Volk hat er später seine Hände in Unschuld gewaschen, indem er die Katastrophe bei Stalingrad auf das Schuldkonto der verbündeten Rumänen, Italiener und Ungarn buchte.

Wenn er gewollt hätte, wäre auch der „Reichsmarschall“ Göring nicht ungeschoren davongekommen. Seit der deutschen Niederlage in der Luftschlacht gegen England und seit Beginn der britischen Tausend-Bomber-Angriffe gegen das Reichsgebiet war dessen Prestige ohnehin fast auf den Nullpunkt gesunken. Daß Hitler es überhaupt für nötig befand, ihn in dem Gespräch mit Manstein zu erwähnen, ist bezeichnend genug. Ohne Zweifel hatte sich Göring übernommen, als er seinem „Führer“ feierlich versicherte, er werde mit seiner Luftwaffe die eingeschlossene Sechste Armee am Leben erhalten – vielleicht aus einem uneingestandenen Gefühl der Schwäche heraus, aber auch aus einer Art Kameraderie der „Braunhemden“, die ihrem „Führer“ in schwerer Stunde beistehen wollen. „Bei jedem Wetter“ würden die Flieger Versorgungsgüter heranschaffen, hatte er Hitler eingeredet, und dieser war darüber um so mehr begeistert, als er sich täglich über den vermeintlichen Kleinmut der Heeresgenerale ärgerte. Er habe, in „Optimismus gemacht“, gestand Göring später unumwunden zu.

Fritzisches Vorbild

Es ist von den Kriegshistorikern noch nicht geklärt, in welchem Maße der Stab Görings seine leichtfertigen Zusagen durch eigene Berechnungen gestützt oder ob er, wie einige der Luftwaffenkommandeure an der Front, gewarnt hat. Generaloberst Jeschonnek, – der Generalstabschef der Luftwaffe – er nahm sich wenige Monate danach das Leben – hat jedenfalls der Sechsten Armee die Luftversorgung zugesagt, freilich mit dem Vorbehalt, „wenn es dem Heer gelingt, die Versorgungsflugplätze Morozowskaja und Tazinskaja zu halten“. Aber sie waren Ende Dezember verloren.