Von Barbara Coudenhove-Kalergi

Auch Kuba hat seine „Pueblo“. Dieses amerikanische Spionageschiff heißt „Oxford 59“ und kreuzt tagein, tagaus drei Meilen vor Havanna im Karibischen Meer, von der Küste aus mit freiem Auge deutlich erkennbar. Die „Oxford“ ist das sichtbare Zeichen der De-facto-Blockade, die der mächtige Nachbar USA seit sechs Jahren über die Insel verhängt hat. Castros Revolution steht unter Quarantäne.

Gegen diese Quarantäne wirkungsvoll und vor aller Welt zu demonstrieren, war wohl der Hauptgrund, warum Fidel Castro kürzlich fünfhundert Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler aus aller Welt zum „Congreso cultural de Habana“ einlud. Thema waren die „Probleme Afrikas, Asiens und Lateinamerikas“, das heißt: der Kampf der Dritten Welt im Zeitalter des Vietnamkriegs.

Da saßen sie also eine Woche lang in den Salons des einstigen Hilton-Hotels von Kuba – jetzt heißt es Habana Libre – und diskutierten: britische Labour-Intellektuelle und amerikanische Black-Power-Studenten, italienische KP-Revisionisten und afrikanische Nationalisten, französische Schöngeister und lateinamerikanische Guerilla-Veteranen. Aus Frankreich waren unter anderen der Sartre-Schüler und Philosoph André Gorz, der Physiker Jean Vigier und die Schriftsteller Christiane de Rochefort und Michel Leiris gekommen (Sartre selber hatte wegen Krankheit abgesagt), aus England der Dramatiker Arnold Wester und der Historiker Eric Hobsbawm, aus Italien die Verleger Einaudi und Feltrinelli und der Komponist Luigi Nono, aus Argentinien der Romancier Julio Cortazar, aus Martinique der Lyriker Aimé Césaire, aus Chile der Maler Roberto Matta. Die Bundesrepublik war durch Han; Magnus Enzensberger vertreten. Den meisten nordamerikanischen Eingeladenen hatte das Statt Department einen Strich durch die Rechnung gemacht, vielen Südamerikanern ihre jeweiligen Regierungen. Aus der Sowjetunion waren unter anderen Aksjonow und Wosnessenskij eingeladen gewesen, doch wer kam, war eine Delegation linientreuer Partei-Professoren. Die andern Ostblockstaaten hielten es genauso. Nur die Tschechen fanden einen Ausweg in Schwejk-Manier: Statt der zu jenem Zeitpunkt noch nicht voll rehabilitierten Schriftsteller aus dem Literarní-Novíny-Kreis hatten sie den pfiffigen Sportchampion Emil Zatopek zum Kultur-, kongreß geschickt. Die Chinesen fehlten: Sie hatten höflich dankend abgelehnt, um nicht „die Einheit des Kongresses zu gefährden“.

Das beherrschende Thema war natürlich das, was die Dritte Welt den „Yankee-Imperialismus“ nennt: der Hauptfeind, dem aller Kampf gilt, ein Kampf, hinter dem alles andere zurückzustehen hat.

Die europäischen Delegierten mußten sich von dem kubanischen Schriftsteller Retamar höflich, aber unerbittlich sagen lassen, daß sie selber ja auch von eben jenem Imperialismus und Neokolonialismus lebten, den sie so lautstark verurteilten. „Links sein“, sagte Retamar, „ist heutzutage in Europa schick. Aber es bedeutet, von unserem Standpunkt aus, vor allem das Bewußtsein, daß ihre – die entwickelte – Gesellschaft ihre Kenntnisse, ihre Kunst, ihre Technik, sogar ihre Oppositionsbewegungen und ihre Avantgarde der Ausbeutung unserer – der unterentwickelten – Gesellschaft verdankt.“

Der Beitrag der Zweiten Welt, also der sozialistiscien Länder, zu alldem war recht zurückhaltend Die Ostblockleute begnügten sich mit einigen allgemeinen Referaten und sanften Repliken, wenn sie angegriffen wurden, was allerdings nicht selten geschah. Viele Sprecher – vor allem aus Kuba – machten deutlich, daß geis:ige Freiheit ein „unabdingbarer Bestandteil unserer Revolution“ sei. Im Mittelpunkt der Kritik stand freilich die mangelnde Solidarität der Sowjetunion mit den revolutionären Bewegungen in der Dritten Welt, die „weiche Haltung“ in Vietnam, die sowjetischen Handelsverträge mit den lateinamerikanischen Oligarchenregimes, das „heimliche Arrangement“ mit den Amerikanern. Es gab Beifall, als der ekuadorianische Autor Jorge Adous meinte, „wir können uns mit jedem Land eher identifizieren als mit der Sowjetunion“. Die Kubaner (die ohne Sowjethilfe verloren wären) hatten Mühe, einen Eklat zu vermeiden.