Vorschau auf die X. Olympischen Winterspiele in Grenoble

Von Heinz Maegerlein

Daß die Kulisse der Winterspiele nicht mehr ausschließlich Berge und Wälder bilden, sondern ebenso Großstadtstraßen und Hochhäuser, ist eine Tatsache, mit der wir uns abfinden müssen. 1964 in Innsbruck standen die Olympiatage von 1960 im märchenhaften Hochtal von Squaw Valley wie eine schöne, schon fast unwirkliche Vision vor uns, und an die fernen Tage, da die Besucher der Spiele in der Bergwelt von Chamonix, St. Moritz und Cortina d’Ampezzo leben durften, erinnert man sich kaum noch.

1952 in Oslo hat jene Reihe der Winterspiele begonnen, die sie dem Freund der Berge im Winter mehr und mehr fremd macht. Das Leben während der Hochtage des olympischen Sports mitten im Alltag der Städte, unter Menschen, die keine Beziehung zu den Spielen haben, ja, die mit ihnen aus bisweilen durchaus verständlichen Gründen gar nichts zu tun haben wollen, nimmt dem Dabeisein ja auch tatsächlich nicht wenig von seinem Reiz. Innsbruck hat diese Reihe vor vier Jahren fortgesetzt, und wenn diese Skiläufer- und Bergsteigerstadt in immerhin 600 m Höhe, unmittelbar am Fuße schöner Skiberge gelegen, schon kein echtes olympisches Fluidum aufkommen ließ, so dürfen wir es in Grenoble, der mehr als doppelt so großen und mit 215 m ungleich tiefer gelegenen Großstadt noch viel weniger erwarten. Dabei ist die Hauptstadt der Dauphiné in anderer Hinsicht gewiß ein faszinierender Austragungsort der Spiele: Bereits vor Christus gegründet, Sitz einer berühmten alten Universität und dennoch nur kleine Festungsstadt und verträumte Universitätsstadt noch um die Jahrhundertwende, hat sich Grenoble in den letzten anderthalb Jahrzehnten explosiv entwickelt. 1950 gab es hier knapp 100 000 Einwohner, 1960 waren es 150 000, und an der Schwelle des Olympiajahres zählte man bereits mehr als 250 000. Man kann es auch anders als nur in Zahlen sehen: Von einer Stadt der Soldaten, Studenten und Handschuhmacher ist Grenoble emporgewachsen zur modernsten und expansivsten Industriestadt Frankreichs mit 21 Kraftwerken und dem größten Zentrum für Kernforschung in ganz Frankreich.

Grenoble wie verwandelt

Wer Grenoble zuletzt vor zwei Jahrzehnten besucht hat und heute wiedersieht, steht staunend vor einem völlig neuen Stadtgebilde. Nur wenige Straßen erinnern noch an die einstige alte, mehr und mehr sterbende Stadt. Dafür ragen jetzt überall im weiten Tal Hochhäuser auf, künden riesige Fabrikanlagen von der Zukunft, die sich die Bewohner selbst geschaffen haben. Trotzdem blieb die majestätische Schönheit der Landschaft rings um Grenoble unangetastet. Das stolze Wort seiner Bewohner scheint berechtigt und in seinem zweiten Satz sogar besonders auf die Olympischen Spiele gemünzt: "Am Ende jeder Straße ein Gebirge – auf der Höhe jedes Gebirges eine neue Freude." Unmittelbar aus der Stadt heraus steigen die Berge bis mehr als 1500 m hoch hinauf. Ohne sie hätte Grenoble freilich auch niemals Olympiastadt werden können. Denn nur die Wettbewerbe im Eiskunstlaufen, Eisschnelläufer und im Eishockey werden in Grenoble stattfinden. Alle anderen Konkurrenzen sind auf Austragungsorte außerhalb und oberhalb der Olympiastadt angewiesen: die alpinen Rennen auf Chamrousse, das 30 km von Grenoble entfernt in 1600 m Höhe auf einer Hochterrasse liegt, die nordischen Wettbewerbe mit den Langläufen und dem Sprunglauf auf Autrans, einen lieblichen Mittelgebirgsort in 1000 m Höhe 40 km südwestlich von Grenoble, die Rodelwettbewerbe auf das etwa ebenso weit entfernte Villard de Lans, einen schönen Kurort im Vercors, und die Bobrennen auf das fast 70 km von der Olympiastadt entfernte 1800 m hoch gelegene L’Alpe d’Huez, das Glanzstück inmitten der zahlreichen Wintersportorte in der weiteren Umgebung von Grenoble.

Die Franzosen haben mit einem in der Geschichte der Winterspiele beispiellosen Elan und Aufwand diese X. Winterspiele vorbereitet. Bereits heute sind für Bauten, Schanzen, Pisten, Bahnen und Verkehrswege mehr als eine Milliarde Francs ausgegeben worden – eine fast unvorstellbare Summe, wenn man bedenkt, daß selbst für die so viel größeren Sommerspiele des Jahres 1972 in München nur mit einer Summe von etwa 600 Millionen Mark gerechnet wird.