Von Dietrich Strothmann

Es stand in Gerhard Freys rechtsradikaler "National- und Soldatenzeitung". Eine Woche vor der Wahl des neuen Sprechers der Sudetendeutschen Landsmannschaft machte dort, auf einer ganzen Seite, der stellvertretende Landesvorsitzende der baden-württembergischen Sudetenländer, Dr. Otfried Michl, Propaganda für seinen Kandidaten: für Dr. Walter Becher, ehemals Kulturschriftleiter des NS-Gauorgans "Die Zeit", sodann in Bayern nacheinander Landtagsabgeordneter der "Deutschen Gemeinschaft" (rechtsorientiert) und Fraktionsvorsitzender des BHE (rechtsorientert), Mitbegründer des "Deutschen Kreises 1958" (rechtsorientiert), des "Komitees zum Schutz des Bürgers gegen Diffamierung" (rechtsorientiert), zuletzt Stellvertretender Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Geschäftsführer des Sudetendeutschen Rates und Vorsitzender des sudetendeutschen Witiko-Bundes (rechtsorientiert), seit 1965 Bundestagsabgeordneter der CSU und seit letzter Woche als Seebohms Nachfolger Sprecher der Sudetendeutschen. Rechts ist, wo Becher ist.

Vergebens war Herbert Wehners Versuch, gegen die "eifernde Rechthaberei" unter den Sudetendeutschen Front zu machen, umsonst ein letzter Appell der SPD, an die Spitze der Landsmannschaft "eine Persönlichkeit zu stellen, deren Vergangenheit in jeder Hinsicht einwandfrei ist" und "an dem weder die deutsche Politik etwas aussetzen könne noch die tschechische Politik Vorwände finden könnte, die angebahnten Bestrebungen zu einer Verständigung zwischen den Völkern Europas zu stören".

Die meisten Delegierten der 300 000 organisierten Sudetendeutschen entschieden sich dennoch für Becher – wie eben jener Ofried Michl, der in der schwarz-weiß-roten Zeitung Freys, ganz im Sinne seines Kandidaten, zuvor geschrieben hatte: "Wenn diese Journalisten, Rundfunksprecher, Kommentatoren, ‚Frühschöppler‘, Kabarettisten und sonstige Gemütsakrobaten oft wüßten, wieviel Zorn, Abscheu, Schamröte und Widerstandskraft sie in uns, den seit Generationen gefestigten Grenzlandsdeutschen, hervorgerufen haben, so würden sie ihr ständiges Gekräusel von der Macht des Faktischen, der deutschen und nur der deutschen Schuld, vom notwendigen Realismus und so weiter unterlassen und aufgeben." Weil Becher, so meinte Michl in schöner Offenheit weiter, "als Patriot über eine gesunde vaterländische Gesinnung", über "viel Mut und Selbstlosigkeit" verfüge, werde er ihm seine Stimme geben.

Und so geschah es denn auch. Mit 43 von 70 Stimmen ging Becher als Sieger aus dieser Wahl hervor – aus einer Wahl, die nichts anderes bedeutet als einen Affront gegen die Bonner Ostpolitik und eine Radikalisierung der Vertriebenenpolitik. Seebohm, das wird sich alsbald zeigen, war im Vergleich zu Becher nur ein ärgerlicher Sonntagsredner.

Walter Becher, Jahrgang 1912, geboren zu Karlsbad als Sohn eines Treuhänders, ist mehr als ein fanatischer Antikommunist. Wer es im Osten wage, Deutschland wegen Auschwitz anzuklagen, so redet er, müsse erst einmal seine Schuld an den "Vertreibungsverbrechen" zugeben; wer nach Lidice pilgere, so argumentiert er, müsse sich auch der toten Sudetendeutschen erinnern. Über die KZ-Prozesse urteilte Becher einmal mit pauschaler Besserwisserei: "Es sei zu verdächtig, daß ein Großteil der in diesen Verfahren auftretenden Zeugen zur kommunistischen Lagerprominenz gehört habe. Von solchen Leuten wisse man nie, inwieweit sie nicht selbst bei derartigen verabscheuungswürdigen Verbrechen mitgewirkt hätten." Becher ist ein Schulmeister im Aufrechnen, ein zurückgebliebener Konservativer überdies, der sich stark macht für die "Konzentration der nationalkonservativen Kräfte gegen die heimatlose Linke".

Drapiert wird solche Geisteshaltung mit der Romanfigur "Witiko", dem Ostlandreiter, des Spätromantikers Adalbert Stifter. Der nach ihm benannte Bund ist "dem Ganzen verpflichtet", und das heißt einzig und allein: "dem Volk, dem Reich." Darum auch wettern die Witikoer gegen den "größten Ausverkauf unseres Vaterlandes", gegen ein "Über-Versailles" und einen "nationalen Notstand"; darum verleumdeten sie Kennedys Berater als Nachfahren Roosevelts und Morgenthaus und drängten die Bundesregierung, "jedwede Verzichtpolitik als Landesverrat zu brandmarken".