Sieben Tage nach Beginn der bisher größten kommunistischen Offensive hielten die schweren Kämpfe in Vietnam Mitte der Woche unvermindert an. Von Nord und Süd hatten die Vietcongs und nordvietnamesische Einheiten am Dienstag voriger Woche, zu Beginn des buddhistischen Mondneujahrs, in einer koordinierten Aktion 26 von 44 Provinzhauptstädten Südvietnams, neun andere Städte, zahlreiche US-Stützpunkte, viele Dörfer und die Hauptstadt Saigon angegriffen und zum Teil eingenommen. Zwar waren die meisten Städte Mitte dieser Woche zurückerobert, doch galten Khe Sanh, Hué, die Gegend um Da Nang, Saigon und das Mekong-Delta weiter als Brennpunkte des Kampfgeschehens (vgl. Karte).

Bis Dienstag nacht waren nach amerikanischen Angaben 1744 Soldaten der Alliierten gefallen, auf der Gegenseite jedoch 22 748 (wahrscheinlich wurden viele Zivilisten mitgezählt). Mehr als 7000 Amerikaner und südvietnamesische Soldaten wurden verwundet. Im ganzen Land wurden mindestens 200 000 Menschen obdachlos und befinden sich auf der Flucht. (Bislang gab es schon nahezu eine Million Flüchtlinge.) Die Versorgungslage gilt überall als kritisch.

Staatspräsident General Thieu, der inzwischen die erst zehn Monate alte Verfassung außer Kraft setzte und über Südvietnam den Ausnahmezustand verhängte, mußte zugeben, daß es „keinen sicheren Ort“ mehr im ganzen Land gebe. Bisher war angenommen worden, daß 67 Prozent der südvietnamesischen Bevölkerung in „befriedeten Gebieten“ leben, als die vor allem die Städte galten.

Der amerikanische Oberbefehlshaber, General Westmoreland, hatte am Wochenende die kommunistische Großoffensive bereits als „kostspieligen Fehlschlag“ bezeichnet. Doch haben der Vietcong und die Nordvietnamesen – nach Aussage General Davidsons, Chef des US-Geheimdienstes in Saigon – erst etwa die Hälfte ihrer Streitkräfte eingesetzt; weitere 65 000 Mann stünden in Reserve.

Bei Khe Sanh erwarteten 6000 Marinesoldaten und südvienamesische Ranger Mitte der Woche noch immer einen Großangriff von 35 000 Nordvietnamesen. Es kam zu mehreren Sturmangriffen, bei denen die Nordvietnamesen mit sowjetischen Panzerwagen und Flammenwerfern den benachbarten US-Stützpunkt Lang Vei überrannten.

In der nördlichsten Provinz sind allein vier amerikanische Divisionen (etwa 40 000 Mann) als Flanken- und Rückenschutz für Khe Sanh zusammengezogen. In Saigon waren daher kaum mehr als 300 US-Soldaten einsatzbereit, als sich am vorigen Dienstag das Raketen- und Mörserfeuer der Kommunisten mit den Detonationen des Feuerwerks zum Jahreswechsel mischte. Während in manchen südvietnamesischen Einheiten bis zu fünfzig Prozent der Offiziere und Mannschaften auf Neujahrsurlaub weilten, sickerten fünf feindliche Bataillone (2000 bis 2500 Mann) in die Hauptstadt ein.

Dort griffen sie die festungsähnliche US-Botschaft, den Präsidentenpalast, den Flugplatz Tan Son Nhut und die Radiostation an, von wo die Kommunisten ein „revolutionäres Regime“ der „Allianz der nationalen und Friedenskräfte“ ausriefen. Die Zivilbevölkerung wurde zum Aufstand, die südvietnamesische Armee zum Überlaufen aufgefordert. Im Gegenschlag bombardierten amerikanische Flugzeuge verschiedene Stadtteile, nachdem die Bevölkerung teilweise evakuiert worden war, um die Kommunisten zu vertreiben. Große Teile Saigons lagen Mitte der Woche in Schutt und Asche.

Der kommunistische Großangriff – vielfach als Versuch Hanois gedeutet, seine Position für kommende Verhandlungen zu verbessern – hat die amerikanische Haltung in der Friedensfrage merklich versteift. Präsident Johnson, dessen Popularität in den letzten Monaten wieder stieg, gab vorige Woche zu verstehen, daß er nicht mehr an eine Einstellung der Bombenangriffe auf Nordvietnam denke. Die Regierung in Hanoi hatte das zur Voraussetzung gemacht, als sie vor fünf Wochen ihre Bereitschaft zu Verhandlungen ankündigte. Die USA hatten das Bombardement während der dann folgenden Sondierungen bereits eingeschränkt.