DIE ZEIT

Behütung vor dem Bären

Wenn einer die letzten zwei Jahre im Tiefschlaf zugebracht hätte und in diesen Wochen wieder erwacht wäre, er würde meinen, ganz normal seine acht Stunden geschlafen zu haben.

Ein Koffer voller Fragen

Wer Brandts geduldige Haltung in der Frage der deutsch-französischen Meinungsverschiedenheiten und wer-seine taktische Besonnenheit in der Rolle des Außenministers kennt, durfte keinen Augenblick daran zweifeln, daß er de Gaulle nicht einmal in der Erregung einen „machtbesessenen Regierungschef“ hätte genannt haben können.

An der Leine

Die SPD-Führung ist bei zwei wichtigen Vorhaben gebremst worden. In der Diskussion über die Notstandsgesetze hat die Bundestagsfraktion den Regierungsentwurf nach ihren Vorstellungen abgeändert.

In Ketten

Der Weltsicherheitsrat verlangte ihre Freilassung. Vergebens. Doch sein Appell rettete sie vor dem Strick. Dreißig Südwestafrikaner wurden vorige Woche in Pretoria zu hohen Kerkerstrafen verurteilt; neunzehn sollen ihr ganzes Leben hinter Mauern zubringen.

Pulverfaß am 38. Breitengrad

Selbst die Verkehrspolizisten in Seoul tragen Maschinenpistolen. Die Polizeistreifen in der südkoreanischen Hauptstadt haben ständig den Finger am Abzug ihrer Gewehre, gefechtsbereit wie eine Kampftruppe im Kriege.

ZEITSPIEGEL

„Jurij Galanskow und Alexej Ginsburg, Alexej Dobrowolskij, Wera Laschkowa, die mit ihm vor dem Moskauer Stadtgericht standen, wären von Stalins Stiefeln lautlos ausgetreten worden.

Des Präsidenten General

Unter den buschig-dichten Augenbrauen schauen die Augen ernst, aber nicht streng hervor. Das leicht kantige Gesicht verrät Willensstärke und Konzentration, aber keine Brutalität.

Korrespondenten-Berichte aus Vietnam: Politischer Ausblick und militärische Bilanz nach dem Großangriff des Vietcong: Frieden wollen sie, nur Frieden

Mit den Informationen über die erste größere Gegenaktion im Stadtgebiet von Saigon lieferte die Polizei gleich die erste politische Zweckmeldung: Feldpolizisten, von General Loan persönlich angeführt, hätten bei der Eroberung der An-Quang-Pagode ein Hauptquartier des Vietcong entdeckt – eben in jener Pagode, die stets der Sitz der regierungsfeindlichen Buddhisten-Gruppe war.

Theo Sommer berichtet aus USA (II): Geht Amerika in sich?

Der Vietnamkrieg hat die Vereinigten Staaten in eine schwere Gewissenskrise gestürzt. Eine jener leidenschaftlichen großen Debatten hat begonnen, in denen sich die Amerikaner mindestens einmal in jeder Generation über ihre „nationale Bestimmung“ Klarheit schaffen.

Annäherung an die EWG

„Wir hätten es lieber mit einzelnen Mitgliedstaaten bilateral zu tun – aber die EWG ist eine Realität“, sagte uns, etwas resigniert, ein Jugoslawe.

Wolfgang Ebert:: Freundschaftsspiel

Am achten Tag der Olympischen Winterspiele. Eisstadion Elysée-Palast. Im Eishockey stehen sich die Mannschaften der Bundesrepublik und Frankreichs gegenüber.

Die Besten gingen

Von vielen Amerikanern wird der Gesundheitsminister John W. Gardner, der auf seinen eigenen Wunsch aus dem Kabinett austreten will, als der beste Mann nach McNamara angesehen.

Vier Milliarden Devisenausgleich?

Die Vereinigten Staaten verlangen von der Bundesrepublik einen Devisenausgleich in Höhe von 3,1 Milliarden DM, Großbritannien erwartet von uns 800 Millionen.

Feind von links?

Die Kommunisten in der Bundesrepublik befinden sich in einer Zwickmühle. Einerseits gibt es ministerielle Worte, die sie ermuntern, eine neue kommunistische Partei an Stelle der alten, 1956 verbotenen KPD zu gründen.

De Gaulle macht mit

Der General war in seinem Element. Während des großen Galadiners, das er zu Ehren des Staatsbesuches seines irakischen Generalskollegen Aref aus Bagdad gab, wärmte er den alten Konflikt mit Großbritannien um den Einfluß im Mittleren Osten wieder auf.

Eiertanz um Lebers Plan

Den Spott als das Salz der Parlamentsdebatte vermißt man in Bonn nur allzu oft. Um so vergnügter folgte man der Persiflagelust des Bundesverkehrsministers bei der Begründung des nach ihm benannten Leber-Planes.

Staatschef im zweiten Rang

Noch besucht Harold Wilson die Mächtigen der Welt, als sei er einer ihresgleichen. Regelmäßige Reisen nach Moskau und, wie jetzt, nach Washington erwecken den Eindruck, als gelte Großbritannien unverändert viel.

Zwischen Wünschen und Können

Komisch, aber wahr: Da kommt ein altgedienter Politiker aus Kopenhagen nach Aachen, um dort den ersten Orden seines Lebens entgegenzunehmen – Per Haekkerup, bis vor kurzem dänischer Außenminister, seit neuestem parlamentarischer Sprecher der größten (sozialdemokratischen) Oppositionspartei im Folketing.

Löwen: kein belgisches Dien Bien Phu

Sich zum belgischen "Sprachenstreit" zu äußern, ist aber ein undankbares Geschäft, sobald man sich bemüht, den Wallonen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Von ZEIT zu ZEIT

US-Präsident Johnson will „vorsorglich“ weitere 10 500 Soldaten nach Südvietnam entsenden. Staatspräsident Thieu kündigte eine Verstärkung der südvietnamesischen Truppen um weitere 65 000 Mann an.

USA werfen mehr Truppen nach Vietnam

US-Präsident Johnson hat am Dienstag beschlossen, die 510 000 amerikanischen Soldaten in Vietnam auf Ersuchen des dortigen Oberbefehlshabers Westmoreland schon bald „vorsorglich“ um weitere 10 500 Mann zu verstärken.

Staatskrise in Belgien?

Nach 23 Monaten mußte das Kabinett Boeynants, das sich auf eine Koalition von Christlich-Sozialen und Liberalen gestützt hatte, vorige Woche zurücktreten.

Washington will Seoul besänftigen

In Panmunjom gingen die amerikanisch-nordkoreanischen Geheimverhandlungen über eine Freigabe des Nachrichtenschiffs „Pueblo“ auch zum Wochenbeginn weiter.

Namen der Woche

Hilmar Baunsgaard (47), Führer der „Radikalen Venstre“ und dänischer Ministerpräsident seit vierzehn Tagen, bezeichnete die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie „als Ausgangspunkt für Verhandlungen über die europäischen Sicherheitsprobleme“.

Paris: Waffen gegen Öl

Als der irakische Staatspräsident Aref Mitte voriger Woche mit 33 Ministern und Militärs auf dem Pariser Flughafen Orly eintraf, war das gesamte französische Kabinett angetreten.

Waffenruhe in Nigeria?

Am Wochenende wurde in London bekannt: Nach sechswöchigen Geheimverhandlungen hat das Commonwealth-Sekretariat einen Plan entwickelt, der den nigerianischen Bürgerkrieg zwischen der Zentralregierung in Lagos und der abgefallenen Ostregion Biafra durch einen Waffenstillstand beenden könnte.

Spannungen um die Bonner Ostpolitik

Neue Auseinandersetzungen zwischen den Koalitionspartnern um die Entspannungspolitik der Bundesregierung haben sich in der vorigen Woche angekündigt.

Gesellschaft ohne Wissenschaft?

Für Deutschland wird die Wissenschaftspolitik zum erstenmal in seiner Geschichte entscheidend. Ich möchte hier die These vertreten, daß uns in den nächsten fünf bis zehn Jahren die einschneidendsten wissenschaftsorganisatorischen Neuerungen seit Wilhelm von Humboldts Neuorganisation des preußischen Universitäts- und Wissenschaftsbetriebs 1809/10 bevorstehen.

Unerfüllte Nation

Der Band ist aus Einführungsvorlesungen entstanden und kann auch den soziologisch interessierten Laien in die Betrachtungsweise dieser Wissenschaft einführen und ihre Nützlichkeit anschaulich machen.

Als die Bomben fielen ...

Durch den Absturz einer mit vier Wasserstoffbomben beladenen B 52 bei Thule ist unverhofft das Buch von Flora Lewis aktuell geworden.

Bonn an der Wende

Nicht die westdeutschen Ordinarien der Politologie, sondern vor allem nichtzünftige Publizisten, aber auch jüngere Soziologen, Psychologen oder Philosophen sind es, die heute ohne Scheu die staatsrechtliche und politische Ideologie der Bundesrepublik mit ihrer sozialen, ökonomischen und psychischen Realität konfrontieren.

Stark und rein

Niemand hat bislang ein Meinungsforschungsinstitut mit der Umfrage beauftragt, welche Erwartungen der evangelische Bundesbürger – sofern er sich überhaupt noch zur kirchlichen Seelsorge bekennt – an die deutsche Pfarrfrau knüpft; konkreter: wie weit die Lebensgefährtin, insbesondere des jungen Geistlichen eine „moderne Frau“ sein darf.

Hessens CDU: Profilpflege

Es war vor einem Jahr, da stellte der „Deutschland-Union-Dienst“ die neue Mannschaft der Christdemokraten im Hessischen Landtag vor.

Geniestreich

Das Finanzamt Düsseldorf-Nord ist eine Musterbehörde. Als es galt, Geld zu verschenken, legten seine Beamten eine geradezu atemberaubendes Tempo vor.

Kein Hauch von Revolution

Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen;so schwer ist der aufrechte Gang. Und selbst, wo sie gelungen waren, zeigten sich in der Regel die Bedrücker mehr ausgewechselt als abgeschafft.

In St. Alban rumort es

Die Protestbewegung gegen den Krieg in Vietnam, von der hier berichtet werden soll, fiele unter die Rubrik "und ferner liefen", wenn sie an der Zahl der Mitglieder und an dem öffentlichen Aufsehen gemessen würde, die dergleichen Aktionen bei anderen Veranstalten schon als Resultat aufzuweisen hatten.

Gefährlicher Cocktail?

Der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Rainer Barzel, wechselte vom warmen Timbre der Versöhnung zu hartem, metallischem Stakkato: „Ein Studentenulk ist es nicht mehr, wenn bewußt zerstört wird oder wenn Anleitungen zur Herstellung von Sprengsätzen à la Molotow-Cocktail gegeben werden.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Wenn nicht der einzige, so ist er doch der eifrigste weit und breit, der die Orgel, die „Königin der Instrumente“, auch mit dem Unterarm schlägt, der nicht nur herkömmlich notierte, sondern auch graphisch (mit Punkten, Linien, Balken, Schleifen, Wellen) fixierte Tonwerke spielt: Gerd Zacher, seit 1957 Organist der Lutherkirche in Hamburg-Wellingsbüttel.

Dreißig sind besser als eines

Andy Warhol gilt als einer der konsequentesten amerikanischen Pop-Künstler – aber was eigentlich ist Pop-Art? Er selbst hat darauf während eines Gesprächs eine merkwürdige Antwort gegeben, zu lesen im Katalog der soeben im „Moderna Museet“ zu Stockholm eröffneten Warhol-Ausstellung: „Do you think pop-art is know, what know, do you think pop-art is know, no I don’t.

Vorbei, beinah vorbei

Im Grunde spüre ich Widerstand, es zu sagen. Es ist wahr; es ist richtig; es ist für mich längst fällig geworden – seit einigen Jahren.

Unzucht und Unfug

Über die Absurdität von Pornographieprozessen können schon lange keine Zweifel mehr bestehen. Das „Sittengesetz“, das nach vorherrschender juristischer Auffassung die absolute Kunstfreiheit, die das Grundgesetz garantiert, einschränken soll – dieses Gesetz ist ungeschrieben und juristisch nicht zu ermitteln; daß einzelne besonders eng denkende Gruppen ihre Vorstellungen von Sittlichkeit der Allgemeinheit auf dem Umweg über die Gerichte aufzwingen, kann und darf sich die Gesellschaft nicht gefallen lassen.

Mein Vater

Kurz bevor Fernando Arrabal letzten Sommer wegen einer privaten Widmung eines Buches, die als Gottes- und Staatslästerung verfolgt wurde, in Spanien eingekerkert wurde, hat er diese Erinnerung an seinen Vater geschrieben, die keine einzige Zeitschrift in Spanien zur Veröffentlichung annahm und die französisch in „Les Lettres Nouvelles“.

Fernsehen: Ich rufe die Jugend der Welt

Abendbilder zwischen der Reklame und dem Wetterdienst: Ein Mann wird gefilmt, er hält ein Mikrophon in der Hand, spricht stakkatoartig und keuchend, bisweilen duckt er sich und verzerrt sein Gesicht, denn in Saigon wird geschossen, und der Mann gibt einen live-Bericht: Würde er während seines Kommentars von einer Kugel getroffen, hätten die Kameraleute ihren blutigen Gag.

Aus den Tagen einer Kommune

Da zieht Henri sich zurück und nimmt seinen Ausschluß aus der Kommune an. Gewalt anzuwenden, sagt er, das sei keine Lösung. Es gelte, bessere Lösungen zu finden, Henri träumt von der Wissenschaft.

Geishas

Eine Geisha ist also eine Unterhaltungsdame. Sie entfaltet ihre Unterhaltungskünste in den sogenannten Teehäusern, so genannt, weil man dort essen und japanischen Reiswein trinken kann – Tee übrigens auch, wenn man unbedingt will.

Bühnenmusiker als Opernkomponist

Zum drittenmal innerhalb eines Jahrzehnts setzte sich das Münchner Theater am Gärtnerplatz für eine Oper des heute 66jährigen Mark Lothar ein.

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