Bad Boll

Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen;so schwer ist der aufrechte Gang. Und selbst, wo sie gelungen waren, zeigten sich in der Regel die Bedrücker mehr ausgewechselt als abgeschafft." Dieses Wort des alten marxistischen Denkers Ernst Bloch stand als Motto über der Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll: Nervus ordo saeculorum oder Das Problem der Revolution in Deutschland.

Und da schwirrten sie dann durch die Tagungsräume, die Vokabeln, die heute auch schon ein Tertianer seinem Lehrer entgegenschleudert: Establishment, verfestigte Strukturen, Herrschaftsverhältnisse, autoritäre Gewalten...

Vielleicht ist es nur chic, ein wenig in Revolution zu machen, sich wild zu gebärden und das Heil in einem Zerbrechen der verfassungsmäßigen Ordnung zu sehen. Von den Möglichkeiten, die ein "radikaldemokratisches" Engagement bietet – der Rechtsphilosoph Maihofer versuchte es seinen Hörern klarzumachen – wollte man nicht viel hören. Daß durch permanente Reformen und Aktionen die Postulate unserer Verfassung verwirklicht werden können, schien nicht recht einleuchtend. Und daß Springeraktionen, Notstandsdemonstrationen noch lange keine revolutionären Aktionen sind, schien vielen recht betrüblich – denn wie anders als durch eine Revolution, also auch mit Gewalt, – könnten die Verhältnisse, die nun einmal nicht so sind, wie sie sein sollen, verändert werden?

Aber warte, bald kommt Dutschke auch zu dir ... Und wirklich, er kam, mit Verspätung zwar, und setzte der evangelischen Tagung für ihr letztes Stündchen die Krone auf. Aber da präsentierte sich zur verblüffenden Überraschung aller ein artiger, bescheidener und toleranter junger Mann, der um Verständnis warb. Schließlich sei die Bewegung über ihn und seine Freunde hereingebrochen, an jenem 2. Juni. Man befinde sich jetzt in einem Übergangsprozeß, in einer Art kulturrevolutionärer Phase, auch habe man noch immer sektiererische Eierschalen hinter den Ohren, man fühle sich als selbsternannte Avantgarde. Nein, andere Meinungen wolle man nicht abschaffen, man wolle lernen, ja, in einem komplizierten Lernprozeß stecke man.

Nun, wer wollte da den ersten Stein auf Dutschke werfen? Ernst Bloch, dem alten Mann aus Tübingen mit dem schlohweißen Haar blieb es überlassen, auf den jugendlichen Helden aus Berlin eine Laudatio zu halten. Sicher liege noch vieles im Nebel, aber da sei doch Hoffnung... Und schließlich diese Propaganda der Ehrlichkeit des Dutschke. Nein, ein Butzemann, wie alle Welt ihn zeichnet, sei dieser junge Mann nicht. Spricht er nicht alle an, die Not leiden? Ja, und wenn er es noch ein bißchen mehr mit der Waffe des Humors versuchte... Man war gerührt. Und viele wollten schon das Wort, gemünzt auf Rosa Luxemburg: "Hier spricht ein Mensch zu uns", auch auf den Berliner Helden angewandt wissen.

Der alte Mann drückte dem jungen die Hand: "Ja, Sie müssen mich besuchen. Wir haben noch viel miteinander zu sprechen." Es schien, als ob sich über das Gesicht von Rudi Dutschke eins leichte Röte legte. Ein anderer Dutschke? v.K.