Berlin

Kürzlich überzeugten sich zwei Damen und 43 Herren des Bundestagsagrarausschusses von den kräftig-roten Kämmen, der reibungslosen Sauberkeit und der für das Wohlbefinden sprechenden Legeleistung der Berliner Silo-Hennen. Der Fahrstuhl fuhr sie in die neunte Etage von Europas größtem Hühnerhochhaus am Neuköllner Boschweg, wo nichts von der Nacktheit, von der ihr Kollege, der Bundestagsabgeordnete Büttner im vergangenen Jahr im Fachblatt "Huhn und Ei" geschrieben hatte, zu beobachten war. Daß zum Beispiel in Legebatterien eingeengte Hennen sich kahl picken, um durch den Federverlust größere Geräumigkeit zu erzielen. Alle Hühner waren komplett gefiedert, reinlichweiß wie ein Weißes Leghorn zu sein hat, dabei temperamentvoll in der Nahrungsaufnahme und klug bei der Bedienung der Nippel-Tränke.

Positiv wie dieses war bisher selten ein Echo, das dem Berliner Hühnerhochhaus galt. Während die Beschwerdeführer, die sich in der Domäne des Tierschutzes zu Hause wissen, allmählich etwas stiller geworden sind, Deutschlands Star-Zoologe Grzimek in diesem Silo den Tatbestand der Tierquälerei erfüllt sah, das ganze eine "Kulturschande" nannte – ohne an Ort und Stelle gewesen zu sein – und in Briefen aus der Bevölkerung mit einer Sprengung des "Marterhauses" gedroht worden war, haben die Gesellschaften der "Eier-Erzeugung" jetzt andere Probleme.

Ihre Hühnerkot-Trocknungsanlage schickt üble Gerüche in die Fenster der Anwohnerschaft. Besonders bei Südwestwind und hoher Luftfeuchtigkeit könnte man – so beschwerten sich Bewohner, "nicht einmal zur Nachtzeit die Fenster öffnen, weil der Geruch uns den Atem nimmt".

Im Mai 1967, damals war das Hühnerhochhaus erst von 27 000 Hühnern belegt – augenblicklich von 150 000 – machte man erste Trocknungsversuche mit Hühnerkot. Im August nahm man diese Versuche wieder auf. Im Oktober kam es zu ersten massiven Beschwerden aus der Nachbarschaft. Im Dezember taten sich zehn anliegende Unternehmer zusammen und hatten durch einen Amtsrichter des Bezirks eine einstweilige Verfügung erwirkt, in der "jede weitere Geruchsbelästigung" untersagt wurde. Die Silobesitzer legten gegen diese Verfügung Widerspruch ein, da es kaum vermeidbar sei, die neuen Anlagen zu erproben, ohne daß sich kurzfristig noch einmal der alte Geruch einstellt. Am 12. Januar 1968 kamen die Hühnergerüche vor das Landgericht. Die Parteien einigten sich auf einen Vergleich, in dem die Antragsteller dem Hühnerhochhaus bis zum 12. März dieses Jahres gestatten, dreimal wöchentlich drei Stunden mit der Kottrocknung zu experimentieren. Stinken dürfe es allerdings nicht. Wenn man die Unzumutbarkeit nachweisen kann, muß das Trocknen aufhören.

Der Architekt dieses Hennenhauses hat sich eine Akte angelegt, in der alle aus der Bevölkerung kommenden Vorwürfe eingeheftet sind: Briefe, deren Autoren den zuständigen Beamten im Berliner Senat, die es versäumten, ein Machtwort gegen diese Eierindustrie zu sprechen, willkürlich Namen wie Nazi- oder Judenschwein gaben. Der Berliner Tierschutzverein hatte vor über einem Jahr die Hausfrauen aufgerufen, zwischen Eiern zu unterscheiden, die von "freien" oder "eingekerkerten" Hühnern auf den Tisch kommen. Ein wichtiger Faktor dieser tierschützerischen Emotionen gegen das Hühnerhochhaus scheint auch das Wort "Hochhaus" zu provozieren. Ein niedersächsischer Flachbau mit den gleichen kalt-rationellen Bedingungen für Hochleistungshennen wirkt wahrscheinlich liebenswürdiger.

Der Veterinär dieses Silos, Professor Gerriets spricht von "manipulierter Tierliebe", die dem Haus die Folterer-Rolle eingebracht habe. Nach tierpsychologischen Berechnungen sollen 500 Quadratzentimeter Bodenraum für eine Henne ausreichen. Die Viererkäfige im Hühnerhochhaus sind jeweils 2000 Quadratzentimeter groß: Drei Hühner können parallel stehen, eins nimmt in Querlage den Hintergrund ein. Hat das hintere Huhn Hunger oder Durst, dann kann es in zehn Minuten eines der vorn stehenden Hühner nach hinten abdrängen. Und das sei ein ganz kollegialer Rhythmus. Marie-Luise Scherer