Von Jean Améry

Im Jahre 1936 wurde der repräsentative Kopf des neopositivistischen Wiener Kreises, Ordinarius Moritz von Schlick, in der Aula der Wiener Universität erschossen. Der Mord war das Werk eines Querkopfs. Vor Gericht behauptete der Täter, ein junger Dr. phil., er habe Schlick aus dem Wege geräumt, da dessen Philosophie verderblich sei. Er selber, der Rächer der Metaphysik oder als was immer er sich verstanden haben mochte, schreibe an einer "negativen Erkenntnislehre", einer bündigen Antwort auf den Schlickschen Positivismus.

Die gesamte Rechte des damals semifaschistischen Österreich nickte in kaum verhohlener Befriedigung zustimmend zur Untat: Natürlich hat es dahin kommen müssen mit einem Mann, der die geheiligten Geistesgüter von Religion und Metaphysik seiner destruktiven Kritik unterzog. Der Linken aber bemächtigte sich tiefe Niedergeschlagenheit. Der Mord an Moritz von Schlick erschien den Linksintellektuellen als ein Symbol des Niederganges, als ein Signum für das Böse, das schon Staatsgestalt angenommen hatte, und als Vorbote des Böseren, das zwei Jahre danach über das Land hereinbrechen sollte.

Die Erinnerung an das blutige Ende des damals erst vierundfünfzigjährigen Schlick begleitete mich beharrlich, als ich jetzt einige Werke des Denkers Herbert Marcuse las, beziehungsweise wiederlas.

Auch für den augenblicklich im Zentrum der gesellschaftskritischen und politischen Diskussion stehenden Philosophen Marcuse ist der Neopositivismus eine geistige Gefahr, und ein guter Teil seiner Schriften ist der radikalen, nicht einmal den unglücklichen und edlen Wittgenstein verschonenden Abweisung dieser Philosophie gewidmet.

Marcuse greift den Neopositivismus von links an. In der Zwischenkriegszeit war es die philosophische Rechte, welche die Schlick, Carnap, Reichenbach, Neurath und so fort mit ihrem Haß verfolgte. Es stellt sich denn die Frage, ob, wie Marcuse meint, der Positivismus, ja das positive Denken überhaupt so durchaus eine Sache der Jasager sei – also der Rechten – oder ob es immer noch als Instrument der gesellschaftlichen Kontestation dienen könne; darüber hinaus: inwieweit das von Herbert Marcuse und anderen dialektischen Sozialphilosophen vorgetragene und leidenschaftlich verteidigte "negative Denken" allein sozialkritische Relevanz habe; schließlich: ob nicht die Repräsentanz Herbert Marcuses für sozialrevolutionäres Philosophieren auf einem umfangreichen und schwerwiegenden Mißverständnis beruht.

Keine Rede davon, daß hier verbindliche Antworten auf alle diese Fragen gegeben werden sollen: Ehrlicherweise muß ich einbekennen, daß ich mir bislang nicht schlüssig werden konnte, inwieweit tatsächlich die dialektische Vernunft, bezogen auf die Emanzipation des Menschen, der analytischen überlegen ist.