Ein Mann, der die Länder und Meere der Erde kannte, sagte einmal zu mir, als wir uns Erde kannte, unterhielten: „Wozu soll ich eigentlich Schiffe Hier, wo ich stehe, ist der Mittelpunkt der Welt.“ Ich fragte ihn, ob es Mitnicht auf die Welt.“ langweilig werde, Mittelpunkt zu sein. „Das hängt von mir ab“, Mitteltete er. Und damit hatte er zweifellos recht. Es gibt Menschen, die so voll von Bildern, Gedangibt und Schauungen sind, daß sie nichts anderes mehr benötigen. Sokrates ließ sich an anderes Athen genügen und Kant an seinem Königsberg. Aber auch Luther brauchte die Weite der Welt nicht und Meister Mathis und Bach ebensowenig. Jedenfalls nicht, um das zu vollbringen, was sie vollbracht haben. Denn jeder von ihnen war selbst eine Welt, ein Kosmos. Gut. Aber wir anderen, wir vielen, die wir nicht zu den welterfüllten Geistern gehören, wir verspüren, die einen beständig, die andern von Zeit zu Zeit, ein wunderliches Verlangen, uns ein wenig oder ein viel auf der trotz allem so verlockenden Erde umzutun. Warum? Ein jeder wird mit einer anderen Antwort aufwarten, mancher vielleicht mit einem ganzen Bündel von Antworten. Auch ich könnte ein Dutzend Gründe für mein Fernweh anführen. Aber einer ist doch wohl der beherrschende: die Zaubermacht des Unerwarteten.

Wenn sich das Unerwartete ereignet, dann ereignet sich das Leben. Im Bereich des Vorgezeichneten, des Bekannten, des Gesetzmäßigen vermag sich das Leben nicht oder so gut wie nicht zu entfalten. Es hat keine Kraft mehr, keine Freiheit und keinen Gesang. Zum Wesen des Lebens gehört es, daß es sich der Erkenntnis entzieht. Das Leben ist nur sich selbst verpflichtet. Was der Mensch aber einmal erkannt und im Netz der Begriffe und Gesetze gefangen hat, gehört nicht mehr sich selbst, sondern dem Menschen. Es ist dem freien Gewoge des Geheimnisvollen entzogen, es ist gleichsam tot. Wenn man eine Muschel aus ihrem Element, dem Meer, heraushebt und auf seine Handfläche legt, um sich an dem opalisierenden Farbenspiel ihres Inneren zu freuen, dann gewahrt man, daß der Schimmer von Minute zu Minute an Leben verliert und schließlich stirbt. Unfreies Leben, erkanntes Leben gibt es nicht, kann es nicht geben. Das Geheimnis des Lebens besteht unter anderem darin, daß es um so unbegreiflicher wird, je mehr die Erkenntnis sich seiner zu bemächtigen glaubt. Das gilt ebenso für das Leben im biologischen wie im allgemeinen Sinne. Leben läßt sich nicht erkennen, es läßt sich nur leben. Wer wirklich leben will, muß sich dem Unerkennbaren, dem Unerwarteten, dem Unvorhersehbaren anvertrauen. Leben ist Wagnis. Deshalb reise ich so gern. Zwar kann man dem Unerwarteten überall begegnen, sogar in einer Gefängniszelle, aber nirgends in einer solchen Fülle und Herrlichkeit wie auf Reisen. Reisen, jenes Reisen, von dem hier die Rede ist, bedeutet die unaufhörliche Begegnung mit dem Unerwarteten. Reisen bedeutet leben.

Wie erregend ist es doch, eine fremde Stadt zu durchstreifen, am liebsten bei Nacht, nichts zu wissen, hinter jeder Ecke das Wunder zu vermuten, offen zu sein für den Zufall. Es ist ein Unterschied, ob, man sich einer Stadt bemächtigt oder ob man sich von ihr bemächtigen läßt. Zweifellos hat es seinen Reiz, sich nach gründlicher Vorbereitung durch Bücher, Stadtplan und Gespräch auf die Suche nach Straßen, Bauwerken, Plätzen und Brunnen zu begeben, sie zu finden und sie, die man schon in der Vorstellung kannte, als Wirklichkeit in Augenschein zu nehmen, wenngleich es auch dabei nicht ohne Unerwartetheiten abzugehen pflegt. Eine Kirche, ein Schloß, ein Marktplatz, ein Standbild nimmt sich, wenn man davorsteht, oft ganz anders aus als im Buch. Man hat sich das betreffende Ding größer vorgestellt oder kleiner, heller oder dunkler, wuchtiger, oder zarter, erschütternder oder friedlicher. Ihre Besonderheiten und Vertraulichkeiten offenbart eine Stadt jedoch nicht dem Sorgfältigen, sondern dem Sorglosen. Es ist nicht einzusehen, warum es so ist, und doch ist es so. Der planlos Umherschweifende sieht tatsächlich Wunderbarkeiten, die dem Kundigen verborgen bleiben. So ähnlich geht es ja auch im Märchen zu. Und das Märchen weiß manches, worauf selbst die klügsten Leute nicht verfallen.

Dabei versteht es sich am Rande, daß zur Begegnung mit dem Unerwarteten ein wenig Glück gehört. Als ich in Bayreuth umherging, wollte ich zum Beispiel einen Blick in das Markgräfliche Opernhaus werfen. Aber es war um diese Stunde nicht zu besichtigen. Dennoch gelang es mir, mich einzuschleichen. Und siehe, gerade übte jemand auf der Bühne des halb erhellten Hauses ein Cembalostück für ein Konzert, das am Abend stattfinden sollte. Und eben das, die halbe Beleuchtung und das Spiel, war das Quentchen Glück, das dem Unerwarteten seinen Zauber verlieh. Denn erst als das Cembalogeglitzer über die bis zu den Deckengemälden emporsteigenden Logenreihen flog, begann die barocke Herrlichkeit in Blau und Gold und gedämpftem Rot, begannen die Vorhänge und die von leichten Girlanden umwundenen Säulen, die Leuchter und Wappen, die blumenbehängten Schnörkel und Putten, die Schnüre und Quasten zu leben, zu schweben und ins Unendliche fortzuschwingen, daß es mir den Atem benahm.

Ein anderes Mal saß ich zurückgelehnt im Abteil meines Zuges und wartete darauf, daß er sich in Bewegung setze. Da lief auf dem Nachbargleis ein anderer Zug ein, bremste und stand. Hinter dem Fenster, das nur einen Meter von mir entfernt war, saß ein Reisender und las. Beim Halten des Zuges sah er auf, unsere Augen begegneten sich. Ich blickte in eine gedankenvolle, wissende Tiefe, in Augen, die noch erfüllt waren von dem, was sie in dem Buch gelesen hatten. Sie waren noch nicht in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Augen, in denen sich ganz unmittelbar und unverhüllt das Innerste eines Menschen preisgab, so unmittelbar und so unverhüllt, wie es selten geschieht. Eine Gnade, eine Art von Wunder: Ich erblickte die Seele eines Menschen. Mit einem kleinen Ruck fuhr mein Zug an. Das Fenster drüben blieb zurück, der Mann mit dem Buch verschwand. Das Auge-in-Auge war vorbei. Es hatte nur einige Sekunden gedauert. Aber diese Sekunden gingen in mein Leben ein.

Wieder ein anderes Mal wanderte ich auf Spitzbergen über das Geröll mit den Flechten und den Kissen von Steinbrech und Polarmohn am Rande der Königsbucht auf den Kongsvegengletscher zu, der sich in der Ferne in das hellgrüne Wasser schob. Immer wieder stießen schreiende Seeschwalben auf mich herab, wenn ich in die Nähe ihrer Nester kam. Eine Weile blieb ich auf dem armseligen Friedhöfchen der Bergwerkssiedlung Ny Alesund stehen. „Dank für die Zeit, da du bei uns warst“, hatten die Eltern auf das Grab des Kindes geschrieben, das nur ein Jahr alt geworden war. Dann ging ich weiter. Hin und wieder tönte ein dumpfes Gedonner vom Gletscher herüber. Eine Spalte riß auf oder ein Eisbrocken stürzte vom Abbruch in die See. War es das kleine Grab, war es die ungeheure Einsamkeit und Verlorenheit um mich her, waren es die grauen Wolkenstreifen, die auf dem kahlen, von Schneeschründen durchzogenen Berghängen lagen, oder beschattete eine grundlose Niedergeschlagenheit mein Herz – je weiter ich vorankam, um so düsterer erschien mir die Welt, um so sinnloser das Leben. Manchmal senken sich ja solche Stunden der Trostlosigkeit auf den Menschen ohne Warum und Wozu. Da blitzte in einiger Entfernung vor mit etwas auf. Es sah aus, als breche sich die blasse Sonne in einem Diamanten und versprühe ihr Licht zu einem bläulich-weißen Feuerwerk. Ich ging darauf zu. Und während des Gehens wich die Düsternis mehr und mehr von mir. Dahinten leuchtete ein Gruß auf, eine Botschaft für mich. Und das war etwas Tröstliches. In Wirklichkeit handelte es sich nur um einen der Granitsteine, die hier überall herumlagen, nur daß in sein Gekörn ein Quarzkristall eingesprengt war, in dem sich das Licht brach. Ich hob ihn auf und betrachtete ihn. Er füllte eben meine Hand. Ein Stein wie andere auch. Steine mit Kristallen gab es hier zu Tausenden. Aber gerade dieser eine hatte sein Geglitzer durch die Düsternis zu mir gesandt und einen Sinn in der großen Sinnlosigkeit gehabt. Auch ein grauer Stein kann leuchten.

Als ich den romanischen Dom von Königslutter besichtigte, in dem Kaiser Lothar II. von Süpplingenburg mit seiner Gemahlin Richenza und seinem Schwiegersohn Heinrich dem Stolzen begraben liegt, war ich nicht darauf gefaßt, daß ich an der Außenseite der Chorapsis einem Rundbogenfries von seltsamer Symbolik begegnen würde. In den Bogenfeldern bewegt sich von den Seiten her eine Folge von Jagdszenen nach der Apsismitte hin. Das Jagdhorn erklingt, der Bracke stürzt sich auf einen Eber, Hasen werden erlegt und davongetragen. Aber im Mittelfeld, in dem die beiden Jagdzüge aufeinandertreffen, findet das Gegenteil statt: Zwei überlebensgroße Hasen haben einen Jäger zu Boden geworfen und sind dabei, ihn zu binden. Aus dem Jagenden ist ein Gejagter geworden, aus dem Überwinder ein Überwundener, aus dem Herrn ein Knecht. Das kann vielerlei bedeuten. Was hatte der Steinmetzmeister sagen wollen? Hat er mit den Tieren die Leidenschaften gemeint, die Macht, den Besitz, die Sünde? Wie oft glaubt der Mensch zu herrschen, wo er in Wirklichkeit beherrscht wird. Ich war betroffen beim unerwarteten Anblick der Tierhatz, und ich bin es, wenn ich daran denke, noch immer. Zum Geheimnis des Frieses gehört auch die seitlich in spiegelverkehrten Buchstaben eingemeißelte, unvollendete Inschrift: „Hoc opus eximium vario celamine mirum so ...“ (Dies ungewöhnliche Werk, ein Wunder an vielfältiger Gestalt, schuf...) – der Name des Meisters fehlt.

Das bloße Erleben bedeutet aber nicht viel, wenn sich nicht die Erinnerung seiner bemächtigt. Was eigentlich geschieht, wenn der Mensch sich an etwas erinnert, so erinnert, daß die Begebenheit fortan zu ihm gehört, daß sie nicht nur sein Wesen formt, sondern zu einem Teil seines Wesens wird, kann wohl niemand sagen. Der Vorgang geschieht in der Dämmerung des Unbewußten. Und so liegt es auch nicht im Ermessen eines Menschen, zu entscheiden, welches Ereignis einer Reise die Erinnerung aufgreifen und in das Lebensgefühl des Erinnernden einbeziehen soll. Ebensowenig hat er auf die Bewertung der einbezogenen Ereignisse Einfluß. Manchem verleiht die Erinnerung nur ein vages Dasein, manches läßt sie blühen und leuchten. So kann eine Reise zu hochberühmten Stätten der Erde in einem halben Jahr schon fast vergessen sein, während eine andere zu einer nur wenige Kilometer entfernten Ortschaft womöglich in der Erinnerung von Jahr zu Jahr bedeutungsvoller wird. Auch das ist das Unerwartete.