Von Harald Krooge

ehrfach in den vergangenen Jahren sprachen beim Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern Fußball-Funktionäre aus dem 2340 Einwohner großen Pfälzerwald-Dorf Alsenborn vor. Sie traten ein wenig verlegen von einem Bein auf das andere und unterbreiteten dann mutig Terminvorschläge für ein Spiel zwischen beiden Mannschaften. Die Betzenberger bedauerten. Sie sahen sich außerstande, für den Zwerg war keine Zeit vorhanden. Neuerdings bringt Dorfklub-Vorsitzender Dr. Leo Dietzel Verständnis für diese Zurückhaltung auf: „Der FCK kann das kaum machen. Er würde nämlich glatt verlieren.“

Zwischen Koblenz und Saarbrücken gelten solche Worte längst nicht mehr als Biertisch-Strategie. Seit der SV Alsenborn in einem Heimspiel der Regionalliga Südwest den hartnäckigsten Verfolger FK Pirmasens mit 7:0 Toren deklassierte und die führende Position auf neun Punkte ausbaute, traut man der Mannschaft beinahe schon alles zu. In der Regel pflegen Fußballvereine in Gemeinden gleicher Größe als ersehnten sportlichen Lorbeer den Gewinn der Kreismeisterschaft anzustreben. Alsenborn ist nicht die Regel. Die Elf steht mit anderthalb Beinen in der Bundesliga-Aufstiegsrunde.

Gegenwärtig sind die Verantwortlichen des Vereins gefragte Leute. Sportjournalisten fahren von Kaiserslautern sechs Kilometer über eine Waldchaussee und versuchen die Ursachen des „Wunders“ zu recherchieren. Die Mannschaft der Stunde wird zu Protokoll genommen. Dabei erweist sich schon diese Definition als unzulänglich. Der SV Alsenborn gilt vielmehr als festgefügte Gemeinschaft fast eines ganzen Jahrzehnts. Denn noch in der Saison 1959/60 spielte die Elf brav in der A-Klasse. Damals fuhr ein Mann per Fahrrad in das Dorf und paukte flüssige Kombinationen, der zuvor glorreiche Zeiten erlebt hatte: Werner Kohlmeyer, linker „Stahlbeton“-Verteidiger aus der Weltmeister-Equipe.

Heute ist „Kohli“, dem Alkohol zusprechend, offenbar auch in Alsenborn kaum noch der Rede wert. Gleichwohl begründete er in diesem Dorf eine zweite Frühlingszeit für ehemals hochgelobte Lauterer Prominenz. Hölz, der Torhüter, kam – und schließlich gar Fritz Walter. Sie bauten, tatkräftig unterstützt von Gemeinderat und sportbegeisterten Bürgern, hübsche Häuser. Der Fritz übernahm das Traineramt und holte seinerseits, weil ihm die Zeit fehlte, den ehemaligen FCK-Läufer Otto Render in die Gemeinde. Unaufhaltsam kletterte der Klub von Titelgewinn zu Titelgewinn über die Aufstiegsspiele in die Regionalliga.

Das Wunder von Alsenborn stützte sich, um blühen zu können, auf zwei wesentliche Pfeiler: einerseits auf erfahrene Fußballerbeine und Köpfe, die prädestiniert waren, immer wieder neue Erfolgsrezepte auszuknobeln – andererseits auf das Goodwill-Programm von zwei Bauunternehmen, deren Inhaber gelegentlich mit Baggern und Planierraupen anrückten, wenn es galt, das Sportgelände zu erweitern oder den Aktiven unter die Arme zu greifen. Die Gemeinde verkaufte an junge Talente Bauplätze zu Preisen, die beim heutigen Preisniveau kaum mehr waren als eine „Anerkennungsgebühr“.

Wenn augenblicklich nur ein einziger wirklicher „Alseborner Bub“ in der Mannschaft steht, so besagt das fast gar nichts. Die übrigen sind ebenfalls bereits hinreichend „eingemeindet“, mit einem ausgeprägten Heimatgefühl und „Pfälzer Bewußtsein“ ausgestattet. Mit Ausnahme des Frankfurter Torhüters Krei holte sich der Verein mit sicherem Blick junge Leute von umliegenden Klubs. Neben den spielerischen Qualitäten gelten zwei Bedingungen: Charakterfestigkeit und ein geordnetes Berufsleben. Wer mag, wird auf die Verhältnisse des Dorfes umgeschult, etwa – wie der begabte Spielgestalter Horr – vom Kupferschmied zum Büroangestellten in einem örtlichen Betrieb. Kraft durch Bodenständigkeit, könnte die Devise lauten. Eine uralte Formel wird neu entdeckt. Die meisten Erfolgskicker sind verheiratet und – so sieht es Dr. Ditzel – „kommen abends müde nach Hause, ohne Zeit und Gedanken für allerlei Unsinn“. Die drei Studenten Ronald Kirsch, Horst Schieck und der 17jährige Klaus Schmidt fügen sich in das Team der Familienväter ohne Fehl und Tadel ein.