Von Ben Witter

Ich kam aus der Bernhard-Nocht-Straße und ging die Treppen zur Hafenstraße hinunter. Rechts standen ein paar Bretterbuden, vorne links fuhr gerade ein Lastwagen von der alten Brückenwaage und ungefähr gegenüber mußte Hermine Brutschin-Hansens Lokal sein. Die Läden nebenan hatten schon Licht. Hinter den Scheiben der Hafenstraße Nr. 108 war es fast noch dunkel. Hermine Brutschin-Hansen saß neben der Kellertreppe und sagte: "Mein neuer Kellner macht uns einen Grog. Er ist Matrose und hat abgemustert. Silvester saß er mit einer Witwe an diesem Tisch und brach plötzlich zusammen. Im Krankenhaus wollte man ihn aber nicht lange haben." Der Matrose brachte den Grog.

Hermine Brutschin-Hansen rührte in dem Glas. "Ich blicke seit fünfundvierzig Jahren durch das ziemlich kleine Fenster da auf den Hafen. 1923 hat mein Vater diese Gaststätte ‚Zur Kuhwerder Fähre‘ gekauft. Er betrieb ein Transportunternehmen und brachte Seesäcke an Bord von Segelschiffen; sein Büro wurde im Hinterzimmer untergebracht."

Sie blickte wieder auf den Hafen, lächelte, weil ihre Kunden es so gewohnt sind, prüfte mit einem schnellen Blick die Wirkung ihres Lächelns. Der Kapitän an unserem Tisch lächelte sie an, dann lächelte sie weiter. "Als Kind lief ich in gestreiften Pumphosen über das Heiligengeistfeld. Ein Polizist wollte mich deshalb mitnehmen. Ich habe mich fast totgelacht. Unser Rektor war ein bahnbrechender Mann. Er stand auf dem Standpunkt, daß man Schlagball besser in Pumphosen spielen könne statt in langen Röcken ... Ich lache nur über komische Dinge und hätte mich beinahe noch einmal totlachen können. In dem Keller in der Davidstraße, wo jetzt ‚Wang Ah Moohs‘ chinesisches Restaurant ist, bin ich getauft worden. Das Lokal gehörte seinerzeit meinem Großvater. Er war Norweger und beobachtete von seinem Pult aus den Betrieb. Einmal hatte er von einem Seemann eine Ansichtskarte bekommen. Sie war an den Elefanten in Deutschland‘ adressiert und war angekommen. Mein Großvater wog über vierhundert Pfund. Er sagte zu mir: ‚Hermine, so berühmt wie ich mußt du später auch einmal werden.‘"

Ich sagte: "Sie sitzen eigentlich nicht auf Ihrem Stuhl, Sie thronen da." Hermine Brutschin-Hansen zog an ihrer Halskette, an der eine Uhr hing: "1925 lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Er war Matrose und kam wegen seines Seesacks herein. Er hieß Karl, doch seinen Nachnamen Brutschin konnte niemand behalten. Er sagte: ‚Keine Frau behält meinen Namen außer dir.‘ Wenn er von See kam, sah ich immer schnell im Schuldbuch nach, sonst hätte ich ihn wieder vergessen. 1931 heiratete ich ihn. Er fuhr damals als Erster Offizier, und ich hockte hinter der Theke und hörte mir die Geschichten von seinen Kollegen an."

"Ich habe dann auch eine große Seereise gemacht", sagte Hermine Brutschin-Hansen. "Mein Mann wurde Kapitän und nahm mich mit. In Houston war die Reise aber schon zu Ende; Wir wurden vom Kriegsausbruch überrascht. Zwei Tage dauerte die Bahnfahrt nach New York. Ich kam mir da vor wie ein Beachcomber. Das ist ein Seemann, der sein Schiff verlassen muß und im Hafen herumlungert. Auf einem norwegischen Passagierdampfer ging es nach Bergen. Dort machte man uns Schwierigkeiten. Wir waren ohne Visum losgefahren. Ich sagte einfach: ,Mein Großvater ist Norweger gewesen, er hieß der ‚Elefant voll Deutschland’.‘ Und man machte mir keine Schwierigkeiten. Von meinem Mann bekam ich regelmäßig Post aus Jamaika. 1946 stand er dann wieder vor der Theke."

Hermine Brutschin-Hansen hatte während der ganzen Zeit durch das Fenster geblickt und an ihrer Halskette gezogen. "Er konnte nicht schmuggeln, aber ich. Nach dem Krieg gab es in dieser Gastwirtschaft alles. Mein Mann ist an Heimweh nach der See gestorben, könnte man sagen. Sitzen Sie mal ständig dort am Fenster und blicken auf den Hafen. Wo sollte er denn auch sonst hinsehen?"