Hohe Granitfelsen, weite Kastanienwälder

Von Alex Natan

Für viele Touristen ist Elba noch immer mit Napoleon identisch, der dort die ersten neun Monate seines Exils verbrachte, bevor er sein Comeback versuchte, das dann bei Waterloo und auf St. Helena endete. Nur langsam gewinnt Elba Zugkraft, wenn auch hier und da gebaut wird und Campingplätze entstanden. Immer noch ist es jene Insel im Mittelmeer, die auch heute noch ziemlich unberührt und unverdorben geblieben ist. Der Grund mag in der Abwesenheit eines richtigen Flugplatzes liegen oder in der Tatsache, daß es weder etruskische oder römische Ruinen noch ein Museum gibt. Was die beiden Villen anlangt, in denen Napoleon gelebt und den Besuch Maria Walewskas empfangen hat, so können sie wirklich bis morgen, wenn nicht gar bis übermorgen warten.

Der Gast auf Elba pflegt zu faulenzen, im Wasser oder auf dem herrlichen Sandstrand. Dazu zwingt ihn die eigenartige Geographie der Mittelmeerinsel, die nur 223 Quadratkilometer groß und überaus gebirgig ist. Die meisten neuen Hotels befinden sich in den unzähligen Buchten, während die Dörfer meist einen Kilometer oberhalb liegen, so daß es nach heißen Sonnentagen oft eine Anstrengung ist, einen solchen Aufstieg zu unternehmen. Wo die hohen Granitfelsen nicht diese bezaubernden Buchten bilden, dort fallen weite Kastanienwälder sanft zum Meer herab, in denen wiederum die elbanesischen Dörfer eingebettet liegen. Auch im heißen Sommer bleibt Elba eine grüne Insel, die allerdings im Juni am schönsten ist. Für den Geologen ist sie überdies ein Paradies, da die Insel reich an Mineralien ist, die in den leuchtenden Farben ihrer Quarze, Kristalle und Eisenkiese überall die Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Wer ein Auto besitzt, sollte es mitnehmen, da nicht nur die Autostraßen hervorragend sind, sondern auch den Zutritt zu den abgelegenen Dörfern ermöglichen, die nach einem heißen Tag am Strand angenehme Kühlung gegen Abend bieten und heute alle ausgerüstet sind, einen guten Aperitif zu servieren. Wer nicht direkt von Mailand in einer Stunde im Kleinflugzeug nach Elba direkt fliegen will, kann dies auch, noch schneller, von Pisa aus tun. Wer im Auto oder mit der Bahn reist, muß sich in Piombino (etwa 81 Kilometer südlich von Livorno) übersetzen lassen. Die Boote fahren entweder in das östliche Porto Azzurro, den Anfahrtshafen für den Süden der Insel oder direkt nach der Hauptstadt Portoferraio im Norden. Man kann die Überfahrt eine halbe Stunde verkürzen, indem man im Tragflächenboot von Piombino auf die Insel hinüberflitzt, doch sei dies nur seetüchtigen Touristen geraten. Im Zentrum des alten Städtchens Piombino gibt es gute Übernachtungsmöglichkeiten, wenn man einen Anschluß für die Überfahrt verpaßt.

Ein Portofino en miniature

Portoferraio ist ein hübscher Hafenplatz, ein Portofino en miniature, ein idealer Stützpunkt für Segler und Kanuten. Der Strand ist hier nicht gut. Das beste Essen auf Elba gibt es bei "Benussi", einem kleinen Gartenrestaurant in einem Arbeiterviertel Portoferraios. Der Gast tut gut, dem Padrone genügend Zeit zu geben und ihm die Zusammenstellung des Menüs zu überlassen. Der Preis ist hier geringer als irgendwo anders auf der Insel. Für Kinder ist die Bar Nettuno ein unübertreffliches Paradies, wo es das üppigste Schokoladeneis gibt, das ich je gekostet habe. Dort ist übrigens auch der Kaffee ganz vorzüglich.