Eine trockene und etwas wortkarge Agenturmeldung berichtete vor einiger Zeit, daß Jolanda Balás, die rumänische Weltrekordhalterin im Hochsprung und zweimalige Olympiasiegerin, ihren Trainer Ion Sötér geheiratet habe. An der Tatsache, daß sich eine 32jährige Frau für die Ehe entschloß, kann man nichts aussetzen. Doch im Zusammenhang mit Jolanda Balas ist diese Nachricht mehr als überraschend, wenn nicht sogar verblüffend. Vor genau zehn Jahren hat sie nämlich ihren Trainer schon einmal geheiratet, und seitdem erreichte uns keine Meldung, daß sich die bekannten Sportler, die beide übrigens aus ungarischen Familien stammen, getrennt hätten. Diese Sportlerehe veranlaßte damals den berühmten Budapester Sportschriftsteller Pal Peterdi dazu, ein Porträt von Jolanda Balas aufzuzeichnen, indem er unter anderem schrieb: „Während zweier Jahre – und vielleicht ist das auch ein Weltrekord – haben sich 102 Männer um ihre Hand beworben. Auch mit diesem Problem ging Joli zu ihrem Trainer. ‚Ich würde die Spikes noch nicht an den Nagel hängen‘, sagte Sötér. ‚Mit Ihren langen Beinen könnten Sie sogar 1,85 m schaffen.‘

Der Trainer irrte sich. Jolanda Balas sprang 1,91 m und heiratete trotzdem. Nicht einen von den 102, sondern den 103., Ion Sötér.“

Über die Operation, die dieser Ehe vorangegangen war, wurde jedoch nichts bekannt. Der Arzt, der den operativen Eingriff vornahm, ließ lediglich im Freundeskreis durchblicken, daß Jolanda Balas zur Kaste der Hermaphroditen gehöre. Dieser Zustand bewog wohl auch die rumänische Sportführung, diese Verbindung wohlwollend zu unterstützen. Allerdings kam es damals nur zur Ziviltrauung.

Jetzt, nach 10 Jahren, wurde plötzlich die kirchliche Trauung nachgeholt. Der verspätete Segen soll offensichtlich dazu – beitragen, daß Jolanda Balas in Mexico City nach längerer Pause wieder an den Start gehen kann.

Als der Internationale Leichtathletik-Verband die ärztliche Untersuchung der Leichtathletinnen angeordnet hatte, verschwanden nicht nur eine Schar russischer Frauen von der Aschenbahn, sondern auch Jolanda Balás. Bei den Europameisterschaften in Budapest war sie zwar noch dabei, doch sie gab an, verletzt zu sein, und blieb so auch der Kontrolle fern. Mit diesem Verhalten erwiesen sich die Rumänen bedeutend klüger als zum Beispiel die Polen, die auf ihre Weltklasseläuferin Eva Klobukowska unter keinen Umständen verzichten wollten. Die Ärztekommission des IAAF war später gezwungen, die Athletin zu sperren.

Dagegen warteten die Rumänen ab und versuchen nun, einen leichteren, und wie sie meinen, glaubhaften Weg zu gehen. Bei Jolanda Balas wurde vor kurzem ein zweiter ärztlicher Eingriff vorgenommen, der allerdings wieder geheimgehalten wird. Und jetzt gab man die Eheschließung, bestärkt durch die nun erst erfolgte kirchliche Trauung, erneut bekannt.

Es ist mehr als verständlich, daß der rumänische Leichtathletik-Verband seine größte Olympiahoffnung nicht endgültig abschreiben will. Schon von der körperlichen Konstitution her gibt es keine Hochspringerin, die Jolanda Balas schlagen könnte. Ob ihre privaten Bemühungen, die ihres Trainers und Ehemanns Sötér und die des rumänischen Verbandes um ein Comeback Erfolg haben werden, wird sich spätestens in Mexico City bei der obligatorischen Kontrolle der Ärztegruppe entscheiden. Stefan Lazar