Noch in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre meldete sich die Telephonzentrale mit „Reichswerke“. Den Zusatz „Hermann Göring“ hörte man zwar nicht mehr, wunderte sich aber dennoch, warum ein Unternehmen mit dem Namen AG für Berg- und Hüttenbetriebe, das später in Salzgitter AG umfirmierte, jeden Anrufer an seine „großdeutsche Vergangenheit“ erinnerte. Denn die 1937 gegründete Gesellschaft hieß bis zum Kriegsende Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“.

Das Autarkiestreben des Dritten Reiches stand bei der Gründung Pate – Erze aus dem Salzgittergebiet sollten zusammen mit Kohle von der Ruhr die Basis eines Hüttenwerks sein. Geplante Leistung für 1945/46: rund vier Millionen Tonnen Stahl, für jene Jahre eine ungeheure Zahl. Doch die Gigantomanie gedieh nicht bis zur Vollendung, von 32 geplanten Hochöfen waren bei Kriegsende nur 10 in Betrieb, die Demontage schien Salzgitter den Rest zu geben.

Aber die Fundamente standen noch, auf ihnen wurde wieder aufgebaut. Zwar trennte die Zonengrenze das Unternehmen von seinen natürlichen Märkten, die Wiedervereinigung schien jedoch keine Utopie zu sein. So wurden im Salzgitter-Konzern bis Ende 1955 fast 900 Millionen Mark investiert, das Schiff wurde wieder flottgemacht. Aber Anfang der sechziger Jahre geriet es erneut auf Grund. Die Preise für Importerze, die die Konkurrenz an der Ruhr verhüttete, gingen zurück – Salzgitters Vorsprung in den Rohstoffkosten schmolz dahin.

Der Großaktionär, die Bundesrepublik Deutschland, sann auf Abhilfe. Statt des erbetenen Geldes schickte sie einen neuen Manager: Hans Birnbaum, Ministerialdirigent im Bundesschatzministerium und nun außer Diensten, trat in den Vorstand ein. Sein Chef hieß zunächst Konrad Ende, dann Paul Rheinländer – beides Männer aus der „Reichswerke“-Zeit. Aber seit dem 1. Januar sitzt Hans Birnbaum selbst auf dem Stuhl des Vorstandsvorsitzenden.

Schon 1961, als Birnbaum kaufmännisches Vorstandsmitglied wurde, änderte sich einiges bei Salzgitter. Zumindest stellten das die Journalisten fest, die gewohnt waren, von Konzernchef Ende keine oder unbefriedigende Antworten zu erhalten. Birnbaum brach mit diesem Stil – ein Hauch von Modernität war bei Salzgitter zu verspüren. Und diesen Hauch spürt auch, wer das – gemessen am Umsatz bescheidene – Büro des neuen Chefs mit dem seiner Vorgänger vergleicht: Leder und Eiche sind durch Glas und Stoff ersetzt.

Man sieht Hans Birnbaum nicht an, daß Verluste in Höhe von einer halben Milliarde Mark auf seinen Schultern lasten. Aber das ist die Größenordnung, in der man in Salzgitter rechnet. 340 Millionen Mark waren es in den Geschäftsjahren 1964/65 und 1965/66, mit rund der Hälfte dieses Betrages rechnet man für 1966/67 – die endgültige Abrechnung steht noch aus.

Was Hans Birnbaum von den früheren Salzgitter-Chefs unterscheidet, ist die schonungslose Analyse der Misere. Er nennt klipp und klar die Probleme, vor denen das Unternehmen steht. Nach seiner Meinung gibt es bei Salzgitter ein Struktur-, ein Kapital- und ein Führungsproblem. Und Hans Birnbaum ist gesonnen, diesen Problemen auf den Leib zu rücken.