Von Gerd-Klaus Kaltenbrunner

Schon in seinem ersten philosophischen Werk, „Die Transzendenz des Ego“, erschienen 1936, letzte sich Jean-Paul Sartre mit dem Marxismus ineinander. Er schrieb damals: „Wir waren stets der Meinung, daß eine so fruchtbare Arbeitshypothese wie der historische Materialismus keineswegs zu seiner Begründung eine solche Absurdität, wie es der metaphysische Materialismus ist, nötig gehabt hat.“

In modifizierter Form findet sich diese These noch in einem Werk, das den vorläufigen Abschluß von Sartres Ringen mit dem Marxismus markiert –

Jean-Paul Sartre: „Kritik der dialektischen Vernunft“, erster Band: „Theorie der gesellschaftlichen Praxis“, aus dem Französischen von Traugott König; Rowohlt Verlag, Reinbek; 880 S., 48,– DM.

Dieses zweite philosophische Hauptwerk Sartres – nach seinem an Husserl und Heidegger anknüpfenden Opus „Das Sein und das Nichts“ Paris 1943, deutsch 1952) – ist geschichtsphilosophisch fundiert: Alles Erkennen, auch und gerade das philosophische, ist geschichtlich „situiert“. Diese allgemeine Feststellung wendet Sartre auf seine eigene existentialistische Position an Ausdrücklich nennt er den Marxismus „die müberschreitbare Philosophie unserer Zeit“. Der Existentialismus – Sartre spricht sogar, ganz im herabsetzenden Jargon seiner marxistischen Kritiker, von der „Ideologie der Existenz“ – sei nur eine provisorische „Enklave im Marxismus“, gestimmt, sich in ihm aufzulösen, sobald er endgültig zu einer neuen Anthropologie, zum Menschen nicht nur als sozialem, sondern auch als ndividuellem Wesen gefunden habe. Diese von den Marxisten trotz zentraler anthropologischer Aussagen beim jungen Marx vernachlässigte Aufgabe leiste der Existentialismus gleichsam stellvertretend.

Die „Kritik der dialektischen Vernunft“ versteht sich insofern als philosophische Anthropologie, zumindest als Grundlegung einer solchen. Allerdings hat sie wenig gemein mit den unter gleichem Namen bekanntgewordenen Bemühungen Helmuth Plessners und Arnold Gehlens. Der Abstand von Sartres Anthropologie zur Tatbestandsaufnahme und Tatsachenerkenntnis der positiven Wissenschaften wird von ihm selbst in aller Deutlichkeit hervorgehoben.

Man hat gesagt, daß die „Kritik der dialektischen Vernunft“ die „kollektivistische Ergänzung“ zu Sartres subjektivistischem Frühwerk „Das Sein und das Nichts“ darstelle. In Wirklichkeit jedoch ist das Verhältnis zwischen diesen beiden Epochen – ebenso wie das zum Marxismus – komplizierter und von jener ambiguité, die Sartre im Blick hat, wenn er, hinsichtlich der Anthropologie, von der „Doppeldeutigkeit einer Disziplin“ spricht, „in der der Fragende, die Frage und das Gefragte eines sind“.