Gerhard Grohs: „Stufen afrikanischer Emanzipation. Studien zum Selbstverständnis westafrikanischer Eliten“; Kohlhammer Verlag, Stuttgart; 275 Seiten, 24,80 DM.

Der Zustand der deutschen Forschung über die moderne Geschichte Afrikas ist so jämmerlich, daß man zunächst für jeden Beitrag dankbar ist, der hier Abhilfe schaffen könnte. So kann es dann aber auch kommen, daß selbst minderwertige Arbeiten, auch von Ausländern, die ins Deutsche übersetzt wurden, mangels einschlägiger Kenntnisse mancher Rezensenten enthusiastisch begrüßt werden, wie es jüngstens mit dem fragwürdigen Buch von Jean Ziegler („Soziologie des Neuen Afrika“, München 1966) geschah. Bei aller Freude über deutsche Beiträge zum Studium des modernen Afrika wird man aber kritische Wachsamkeit nicht beiseite legen dürfen, wenn wir uns nicht selbst belügen wollen.

Diese Präambel erschien nötig, bevor die Studie eines deutschen Autors anzuzeigen ist. Denn man steht, kennt man etwas die Materie, einigermaßen ratlos vor diesem Buch. Grohs, habilitierter Soziologe an der Freien Universität Berlin und Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik, hat reiches Material, jedenfalls für Deutschland, neu erschlossen. Er fragt sich, wie es zu erklären sei, „daß nach einer relativ langen Stagnation der westafrikanischen Gesellschaft die Gruppe der wenigen ‚educated Africans‘ die Entkolonisierung und damit ihre eigene Emanzipation durchsetzen konnte“. Eine gute Frage. Aber der Autor blieb die Antwort weitgehend schuldig, mußte es vielleicht auch, weil sie eigentlich nur vom Historiker zu liefern ist. Des Autors „Zusammenfassung und Schlußbemerkung“ skizziert zwar im Prinzip richtig die drei aufeinanderfolgenden Generationen afrikanischer Nationalisten („Stufen afrikanischer Emanzipation“), steht aber in keinem rechten inneren Zusammenhang mit dem Vorausgegangenen.

Der Soziologe Grohs spürte offensichtlich sein Dilemma und suchte sich durch einen stärkeren Rückgriff auf die moderne westafrikanische Geschichte zu retten. Aber auch dieser Versuch mißlang ihm – leider, schon weil es in seinen relativ ausführlichen historischen Partien von Sachfehlern nur so wimmelt. Zwar purzeln bei Grohs nicht – wie bei Ziegler in seinem Teil über die Geschichte Ghanas – die Jahrhunderte in wirrer Chronologie durcheinander wie Kraut und Rüben, und seine Fehler sind fast alle nur kleine Versehen oder Ungenauigkeiten. Aber wenn sich auf rund fünfzig einschlägigen Seiten ebenso viele solcher Kleinigkeiten finden, so kumuliert sich das alles zu einem rechten Ärgernis.

Es ist gewiß verdienstvoll, auch in Deutschland endlich Vorgänge, Persönlichkeiten, Institutionen und Organisationen einzuführen, die bei der Emanzipation Afrikas eine Rolle spielten. Aber mit etwas mehr Sorgfalt hätte der Autor ihnen auch die Ehre antun können, Daten und Namen durchweg richtig anzugeben. Ferner stört seine Übung, dem arglosen Leser Namen an den Kopf zu werfen (z. B. Fourah Bay College, Blyden, Casely Hayford), ohne ihre Bedeutung auch gleich zu erklären. Wenn der Leser Glück hat, findet er eine Erläuterung zwanzig, fünfzig oder hundert Seiten später (weshalb die Benutzung des Registers besonders wichtig wird).

Aber auch sonst ist der historische Rahmen schwach und amateurhaft. Es fehlen sowohl die großen Linien als auch die einleuchtende Verschränkung der historischen mit den soziologischanthropologischen Kapiteln. Auf seinem eigentlichen Gebiet hat Grohs allerhand nützliche Informationen zusammengetragen, aber es wird nicht recht deutlich, was die Schriften Blydens aus dem 19. Jahrhundert mit den Sexualproblemen des jungen, afrikanischen Christen zu tun haben, der durch die Missionsschulen gegangen ist. Wenn es einen Zusammenhang gibt, so hat ihn Grohs nicht plausibel genug erklärt.

So wird man die auf Strecken gewiß verdienstvolle und nützliche Untersuchung nur kritisch benutzen können, um das im Anmerkungsapparat enthaltene reichliche Material auszuwerten, aber auch als Ansporn, es in Zukunft besser zu machen. Imanuel Geiss