Die deutsche Universität der Gegenwart wird erschüttert durch die Konsequenzen ihrer traditionellen Verhüllungsideologie und einer nicht bewältigten Autonomie. Die traditionelle Formel von der „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“, die so manche unserer Universitätssatzungen ziert, zerbrach, sobald sie ernstlich auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft wurde.

Sie war, solange sie verwendet wurde, ohnehin eine Fiktion gewesen, heute aber gilt auch die Formel nicht mehr.

Das Bild der Gegenwart wird bestimmt durch einen Machtkampf zwischen den an der Universität formal und funktional unterscheidbaren Gruppen der Studenten einerseits, der Professoren (Ordinarien) andererseits.

Die differenzierte Mittelgruppe hat es schwer, eine klare eigene Position in diesem Stellungskampf zu beziehen. Der Mittelbau ist teilweise von der Angst heimgesucht, die von unten andrängenden Forderungen nach Umfunktionierung und Umgestaltung des Lehr- und Arbeitsbetriebes nicht bewältigen zu können – zumal ihm der Schutzwall der privilegierten Machtstellung des Ordinarius fehlt –, zum andern ist er wegen seines Abhängigkeitsverhältnisses zu den Ordinarien ohne die durchschlagende Kraft einer autonomen Willensbildung. Wenn die künftige Entwicklung zu Recht eine weitere Verstärkung der Mitwirkungsrechte des Mittelbaus erzwingt – und das ist ja bereits im Gange –, dann fallen dieser Gruppe Vorteile in den Schoß, für die sie nicht gekämpft hat oder doch erst zu kämpfen begann, als die studentische Vorhut zum Sturm auf die alten Bastionen angetreten war und sie ins Wanken brachte.

Niemand kann darüber hinwegsehen, daß die strukturellen Veränderungen, die sich jetzt an unseren Universitäten anbahnen und die in der Godesberger Erklärung der Universitätsrektoren eine gewisse richtlinienförmige Kontur erhalten haben, vorwiegend von der Studentenschaft erzwungen worden sind. Die wirksamste Formel, deren sie sich dabei besser bedient hat, war die der Demokratisierung der Universität. Sie war wirksam, weil die deutsche Universität, ganz gleich wie wir den Begriff Demokratie auf die Universität und ihre Struktur anwenden, in der Tat kein demokratisches Gebilde ist und weil in einer Gesellschaftsordnung, die demokratisch zu sein beansprucht, das Verlangen nach Demokratisierung auf jeden Fall als systemkonform angesehen werden kann.

Radikal zu neuen Ordnungen

Wenn sich die Studenten dabei fortwährend unkonventioneller Mittel bedient oder mit Elementen plebiszitärer Demokratie und direkter Aktion die demokratisch unvollkommene repräsentative Struktur der universitären Entscheidungsorgane aufzubrechen versucht haben, dann ist dies eine Folgerung aus der Tatsache, daß das Universitätssystem nicht von innen heraus strukturell verändert werden konnte.