Mehr Truppen oder eine neue Strategie – mit dieser Alternative haben sich die Kriegsplaner im Weißen Haus und im Pentagon auseinandergesetzt, seit General Wheeler in Washington Ende Februar von seinem elften Vietnambesuch in Vietnam berichtete. Außenminister Rusk teilte dem Außenpolitischen Ausschuß des Senats am Montag mit, daß eine Entscheidung noch nicht gefallen sei, die Lage werde gegenwärtig „von A bis Z“ durchdacht.

Der Ausschußvorsitzende, Fulbright, erklärte, er betrachte die Tongking-Resolution von 1964 für null und nichtig. Sie sei vom Kongreß auf Grund falscher Informationen verabschiedet worden. Jetzt habe der Krieg eine entscheidende Wendemarke erreicht. Die Senatoren forderten, vor einer weiteren Eskalation konsultiert zu werden.

Inzwischen war nämlich bekannt geworden, General Westmoreland habe nicht 100 000, sondern 206 000 neue Soldaten angefordert – eine Verstärkung der gegenwärtig in Vietnam aufmarschierten US-Truppen um 40 Prozent –, um das militärische Gleichgewicht nach den Erfolgen der Vietcong-Offensiven wiederherzustellen und womöglich gegen die Nachschub- und Infiltrationswege der Vietcongs auch in Laos und Kambodscha vorgehen zu können.

Während Präsident Johnson an der bisherigen Strategie festhielt und Westmoreland befahl, das Letzte aus den 510 000 GIs in Vietnam herauszuholen, haben zivile Berater des Pentagon eine Gegenstudie ausgearbeitet. Dieses Projekt’ ähnelt dem „Enklaven-Plan“, den General Gavin bereits seit eineinhalb Jahren propagiert.

Die US-Truppen sollen sich auf die konsequente Verteidigung der Ballungsgebiete beschränken und nur noch zu gezielten und begrenzten Gegenschlägen ausholen. Jede weitere Eskalation würde den Krieg lediglich auf eine höhere Ebene der Gewalttätigkeit heben, ohne daß die USA die Reserven der Volksbefreiungsarmee erschöpften.

Diese Einschätzung wurde vom bisherigen Kriegsverlauf bestätigt: Trotz der 50 000 Mann, die die Volksbefreiungsarmee angeblich während der Tet-Offensive verloren hat, soll Nordvietnam in letzter Zeit mindestens ebensoviel neue Divisionen nach Südvietnam eingeschleust haben. Zusammen mit den Vietcong-Verbänden umfaßt die gegnerische Streitmacht – nach Schätzungen aus Saigon – jetzt mehr als 20C Bataillone an regulären Truppen.

Ihnen stehen nur wenig mehr als 100 bewegliche Bataillone Südvietnams und der USA gegenüber; die übrigen amerikanischen und alliierten Truppen sind zur regionalen Verteidigung, zur Sicherung von Objekten oder als Nachschubeinheiten eingesetzt. Nach drei Jahren, in denen die USA ihre Truppenstärke mehr als verzehnfacht haben, sind die mobilen Verbände des Gegneis damit noch immer im Verhältnis 2 : 1 überlegen.