Von Julius Hansen

Den Anlaß zu diesem Beitrag gab Leona Siebenschön mit ihrem in der ZEIT vom 9. Februar 1968 erschienenen Aufsatz „Gleichberechtigung, na, und? Die Frauen sind müde“. Sie habe damit, meint Julius Hansen, „jeden Juristen zum Nachdenken über Fragen der Fortentwicklung des Familienrechts“ gezwungen. Julius Hansen ist Landgerichtsrat in Köln.

Die Zahl der berufstätigen Ehefrauen hat in den vergangenen Jahrzehnten stetig zugenommen. Eine zeitweilige Müdigkeit der Frauen macht es nicht unmöglich, daß Familien, in denen beide Ehegatten berufstätig sind, in kommenden Zeiten die Regel bilden werden. In Artikel 3, Absatz II, des Bonner Grundgesetzes ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau proklamiert worden. Gleichwohl gehen die gegenwärtigen familienrechtlichen Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches noch von der „Nur-Hausfrauen-Ehe“ als der Normalehe aus.

Ob die Gleichsetzung der Haushaltsführung einer nicht berufstätigen Ehefrau mit der Berufsarbeit des Mannes in allen Lebenslagen dem Gleichberechtigungsgesetz entspricht, dürfte jedoch problematisch sein. Jeder „Gleichberechtigung“ müßte auch eine „Gleichverpflichtung“ gegenübergestellt werden. Erst recht darf man die Gleichwertigkeit der beiden Funktionen, nämlich der Berufsarbeit des Mannes und der Haushaltsführung durch die Frau, in der heutigen Zeit in Zweifel ziehen, sofern man den geschichtlichen Wandel in den ökonomischen Aufgaben einer Familiengemeinschaft verfolgt.

Eine Familie war ursprünglich sowohl eine Produktions- wie auch eine Konsumgemeinschaft. Man vergegenwärtige sich etwa die Zeit, als die Stadtbevölkerung nur fünf Prozent und die auf dem Lande in bäuerlichen Betrieben tätige Bevölkerung 95 Prozent ausmachte. In einem durchschnittlichen landwirtschaftlichen Betrieb war es ehedem stets die Aufgabe des Mannes, die Äcker zu bestellen (Außenbereich der gemeinsamen Existenz). Die Frau wirkte im Haus, auf dem Hof, im Garten, in den Stallungen (Innenbereich der gemeinsamen Existenz). Entsprechend der geringeren Anzahl der zu versorgenden städtischen Menschen wurde (ganz im Gegensatz zur modernen Landwirtschaft, die praktisch alle ihre Erzeugnisse absetzt) verhältnismäßig wenig der von Männerhand erarbeiteten Produkte verkauft. Ein großer Teil der durch die Arbeit des Mannes geschaffenen landwirtschaftlichen Rohprodukte wurde durch die Hand der auf dem Hof schaltenden Bäuerin für den Bedarf der Familiengemeinschaft in verzehrbereite landwirtschaftliche Endprodukte weiterverarbeitet; und alte Spinnräder zeugen davon, daß Frauen auch für die Herstellung der in ihren Familien benötigten Textilien sorgten.

Veraltetes Leitbild

In der heutigen städtischen Industriegesellschaft dagegen ist eine Familie nur noch eine reine Konsumgemeinschaft. In einer modernen Drei- bis Vierzimmerwohnung ist zudem vieles einfacher für die Ehefrau, angefangen von der Ölheizung, die von dem Hauswirt betrieben wird, und der automatischen Waschmaschine bis zu den vorgeputzten Gemüsesorten, die allenthalben auf den Supermärkten eingekauft werden können. Bei dem inzwischen eingetretenen Wandel der Familie in eine reine Verzehr- und Verbrauchergemeinschaft darf man also die Frage aufwerfen, warum nur einem der beiden „gleichberechtigten“ Ehepartner ausschließlich alle Sorgen und die Verantwortung für die Herbeischaffung der für die Familiengemeinschaft notwendigen und angemessenen Mittel aufgebürdet werden sollen.