Die Dreigroschenoper darf nicht aufgeführt werden

Bergisch Gladbach

Warum pfeifen in vielen Provinzstädten die Leute wie toll, wenn die Dreigroschenoper von Brecht und Weil! aufgeführt wird?“ wundert sich Kurt Tucholsky 1930 in der Weltbühne. – „Ich bin fassungslos – sie rufen auch noch Bravo“, wundert sich Günther Büch, Chefdramaturg und Regisseur am Theater der Zechenstadt Oberhausen, im „Spiegel“ nach der Premiere seiner Dreigroschenoper-Inszenierung am 12. Januar 1968. Tucholsky waren die Aufführungen „zu flau“, „nicht auf das Deutschland von 1930“ hin inszeniert. Büch hatte „es satt, die Heuchelei länger mitzumachen“. Er wollte durch eine Aktualisierung der Räuber-und-Bankier-Oper „den Spießern klarmachen, wo wir eigentlich leben“.

Die Theaterbesucher in der Provinzstadt Bergisch Gladbach dürfen in der nächsten Woche, am 20. März, für den ihr Spielplan ein Gastspiel der Büch-Inszenierung vorsah, weder pfeifen noch Bravo rufen. Die Dreigroschenoper wurde drei Wochen vorher abgesetzt. In einem Rundschreiben an die Abonnenten versicherte das städtische Kulturamt tröstend und in schöner Rechtschreibung, „zum Ersatz Besseres und Attraktiveres anbieten“ zu können: John Patricks Erbtantenkomödie „Eine etwas sonderbare Dame“. Den Grund für die Spielplanänderung konnten sich die Abonnenten aus dem Angebot „Erkrankungen, Umdispositionen u. a.“ selbst aussuchen.

Einer der Abonnenten, Hans Peter Schmitz, Vorsitzender des Touristenvereins „Die Naturfreunde“, machte sich an dem Tag, an dem er den etwas sonderbaren Brief erhalten hatte, in einem „öffentlichen Forum“ laut eigene Gedanken über die Bedeutung von „u. a.“. Sein Schluß, hier lägen „politische Gründe“ vor. Denn zufällig hatte Naturfreund Schmitz vom Referenten der Veranstaltung erfahren, die Brechtoper sei in Oberhausen „mit roten Fahnen und der Internationale“ angereichert worden. Zu dieser Vermutung kam auch ein Lokalreporter des „Kölner Stadt-Anzeiger“, der in das Forum gegangen war, um seinen Lesern über dessen Thema: „Die Aussichten einer politischen Linksentwicklung in der Bundesrepublik“ zu berichten. Ihm versicherte Kulturamtsleiter Herbert W. Kranzhoff, er persönlich habe nichts gegen rote Fahnen und die Internationale – auf der Bühne. Der Kulturmann, der die Oberhausener Aufführung nie gesehen hat, beteuerte weiter, er habe „aus künstlerischen und technischen Gründen“ statt Mackie Messer die „Dame“ bestellt. Ins Detail gehend meinte er, man könne den Zuschauern nach „Schwester Georgia darf nicht sterben“ nicht schon wieder ein Stück „im Nutten-Milieu“ zumuten. Brecht, den er sehr schätze der aber in Bergisch Gladbach noch nicht aufgeführt worden ist –, sei „auf wenig glückliche Weise verfremde“ worden“.

CDU als Zensor

Seinen Mitarbeitern hatte Kranzhoff allerdings (nach Abstimmung mit dem Kulturausschuß der Stadt nimmt er die Spielplangestaltung vor), schon vor der Absetzung des Büch-Brechts vielsagend-vorsichtig geplaudert, die Umdisponierung sei notwendig gewesen, weil „man“ etwas gegen rote Fahnen und die Internationale ausgerechnet in Bergisch Gladbach habe.