Die Auseinandersetzung zwischen Flamen und Wallonen, „Sprachenstreit“ genannt, die nach den Krawallen um die Universität von Löwen zum Rücktritt der Regierung van den Boeynants geführt hat, geht einem neuen Höhepunkt entgegen: Es ist die Neuwahl am 31. März.

In verworrenen Situationen wie dieser belgischen Staatskrise dürfen stets die Radikalen noch am ehesten als stabil gelten: die flämische „Volksunion“ am rechten, die Kommunisten am linken Flügel. Ungewiß sind die Aussichten der Liberalen, die mit der Parole „Bewahret die einige Nation“ gegen den Strom schwimmen. Bei den großen Parteien aber hat die „belgische Krankheit“ zur Zellteilung geführt.

Zuerst platzte die bisher im politischen Leben Belgiens führende Partei der Christlich-Sozialen auseinander, und dies gleich in drei Teile: Neben den flämischen und den wallonischen Flügel tritt nämlich in Brüssel eine dritte Gruppe, die van den Boeynants führt und die sich „zweisprachig“ nennt, das heißt, an der Praxis des zentral geführten Staates festhalten möchte. In Brüssel hat sich dann kurze Zeit später auch der Streit entzündet, der die Sozialdemokraten sprengte. Hat ein Vater das Recht, die Sprache – und die Schule – zu bestimmen, in der sein Kind aufwächst? Wallonische Antwort: Ja. Flämische: Nein.

Die ist nur ein Beispiel für viele Differenzen unter den Flamen und Wallonen, nur ein Merkmal des politischen Streites, der zwar auch von wirtschaftlichen und sozialen Interessen wesentlich beeinflußt wird, jedoch in diesen Wahlzeiten den Charakter wilder Volkstumskämpfe annimmt, und dies mit allen Auswüchsen nationalistischer Hetze, die eine Schande für jenes Land sind, das doch zugleich vom Impuls einer auf Europa gerichteten Politik erfüllt ist.

Der Chef der „bilingistischen“ Christdemokraten, deren Anhang nicht groß sein dürfte, van den Bceynants, stöhnte: „Wie soll man die nationale Eiligkeit verteidigen, wenn man nicht einmal in der Hauptstadt genügend Flamen und Wallonen auf dieselbe Liste kriegt!“ Während der bisherige Präsident der Sozialistischen Partei, Collard, seinen Entschluß, Belgien zu einer Föderation zu machen, mit den Worten umschrieb: „Wir müssen ein neues Belgien schaffen, in dem Flandern, Wallonien und die Enklave Brüssel anerkannt und mit den notwendigen Institutionen und Rechten versehen werden.“

Die Auffächerung der Parteien hat allerdings den Vorzug, daß die Wähler ihren Willen besser deutlich machen können als bisher. Die neu zu wühlende Volksvertretung wird ein Parlament der Verfassungsänderung sein. Damit aber erhält, die Wahl – die wichtigste in der 138jährigen Geschichte Belgiens – den Charakter eines Volksentscheides. J. M.-M.