Von Wolfgang Müller-Haeseler

Rawalpindi, Anfang März

Die Hoffnung der kleinen deutschen Kolonie in Rawalpindi, daß ihr mageres gesellschaftliches Leben in der provisorischen Hauptstadt Pakistans in diesem Sommer durch deutsche Staudamm-Ingenieure, Techniker und Bauarbeiter einen neuen Auftrieb erhalten würde, ist zerstoben. Statt niedersächsischer, bayerischer und schwäbischer Laute werden sich Französisch und Italienisch unter die gutturale, westpakistanische Landessprache Urdu mischen. Die Entscheidung, daß nicht ein deutsch-schweizerisches Konsortium unter Führung der Essener Baufirma Hochtief AG, sondern französische und italienische Firmen in diesem Sommer das Kernstück des Indus-Becken-Projekts – den Tarbela-Damm am Oberlauf des Indus, 65 Kilometer nordwestlich von Rawalpindi – in Angriff nehmen werden, fiel in der vergangenen Woche in Paris.

Noch drei Wochen zuvor hatte es so ausgesehen, als ob die Pakistani – die zwar nicht allein entscheiden, aber doch ein gewichtiges Wort mitzureden haben – ihre Stimme zugunsten des deutsch-schweizerischen Angebots abgeben würden. In Rawalpindi erklärte vierzehn Tage vor der entscheidenden Sitzung ein hoher Beamter der pakistanischen Entwicklungsgesellschaft Water and Power Development Authority (WAPDA): „Wir hoffen sehr, daß die Deutschen den Tarbela-Damm bauen werden. Ihr Angebot ist nicht nur das billigste, wir haben auch mit deutschen Baufirmen in unserem Lande gute Erfahrungen gemacht.“

Tatsächlich wies die Kalkulation der deutschschweizerischen Firmengruppe, der neben Hochtief die Züblin AG sowie die schweizerischen Firmen Losinger und Zschokke angehören, mit 546,8 Millionen Dollar ohne die von Pakistan zu finanzierenden Nebenarbeiten die niedrigsten Baukosten auf. Mit einer Differenz von rund 75 Millionen Dollar folgte die französisch-italienische Gruppe, während die amerikanische Firma Guy F. Atkinson, die bereits den Mangla-Damm gebaut hat, mit einem Angebot, dessen Kosten – 807,3 Millionen Dollar – um fast 50 Prozent über dem deutschen Voranschlag lagen, kaum Aussichten auf eine Berücksichtigung hatte.

Sechs Tage bevor sich die Weltbank am 29. Februar in Washington mit dem Projekt befaßte, verschlechterte sich die Lage plötzlich. Nach pakistanischer Darstellung hatte Hochtief die pakistanische Regierung und die Weltbank unter Berufung auf 16 einzelne Punkte gebeten, ihr Angebot um 50 Millionen auf 596,8 Millionen Dollar erhöhen zu dürfen. Mit dieser Summe lagen Deutsche und Schweizer immer noch um rund 25 Millionen Dollar, also um 100 Millionen Mark, unter den Kosten der Mitbewerber.

Während die federführende Weltbank sich jeder offiziellen Stellungnahme enthielt, reagierte die pakistanische Regierung ausgesprochen verärgert. In Rawalpindi vermutete man, die deutsch-schweizerische Gruppe habe einen so großen Abstand zum nächsten Anbieter nicht vorausgesehen und versuche nun nachträglich, ihre Gewinnspanne zu verbessern. In einem privaten Gespräch schüttelte ein Mitglied der WAPDA über das deutsche Vorgehen nur seinen Kopf: „Die Nachforderung zu diesem Zeitpunkt ist mir unverständlich. Bei einer Bauzeit von acht Jahren hätten sich sicher Mittel und Wege finden lassen, um Überschreitungen von Kostenvoranschlägen zu rechtfertigen.“