Wenn ich über das Reisen nachdenke, oder genauer darüber, was für mich Reisen bedeutet, nicht etwa Fortbewegung vom Heimatort zu einem schon bestimmten Zielort, um dort womöglich Berufliches zu erledigen oder um an einem Strand vierzehn Tage fast stillzuliegen, sondern Fortbewegung an sich, beliebig von Ort zu Ort, ohne irgendwo vorübergehend endgültig anzukommen, außer am Ende unvermeidlich wieder zu Hause –, dann also fällt mir gleich ein, welches Ideal in diesem Reisebedürfnis nistet: das Ideal der Flucht.

Und mir fällt auch ein, wann das alles für mich vermutlich begonnen hat: im Winter und Frühjahr 45, von Tourismus keine Rede, obwohl Millionen unterwegs waren, allerdings unfreiwillig. Unterwegs war unfreiwillig auch meine Familie, aus Schlesien über ein halbes Dutzend Etappen, ohne genaues Ziel, nur mit der allgemeinen Absicht, immer schneller nach Westen voranzukommen als die Rote Armee. Tieffliegerbeschuß, Brennesselgemüse, der Februarangriff auf Dresden, noch Ende April an unsichtbaren, aber hörbaren Panzerschlachten vorbei –, trotzdem: für mich war es eine Reise, trotz der Flucht oder wegen ihr, trotz und mitsamt der Angst.

Gereist, außer eben an Strände oder ins Gebirge, war ich bis dahin nur in Andrees Handatlas, dort am liebsten durch Afghanistan. Jetzt sah ich immerhin die vorher nur mit dem Zeigefinger auf Landkarten berührten Gegenden und Orte Deutschlands, zwei Tage lang Dresden, bevor es verschwand, Quedlinburg, Harz und Elbsandsteingebirge, schließlich Karlsbad, wo die zwischen Pattons und der Roten Armee eingekeilten Leute mit einer mir aus dem Kino bekannten Gelassenheit und Selbstverständlichkeit Sahnetorte aßen. Hinter Karlsbad, auf der sechsten Etappe, sollte ich als Landkartenleser dann Schicksal spielen, die jetzt fällige, letzte Fluchtrichtung vorschlagen, für die nur eine Alternative geblieben war, entweder hoch zurück in den Harz oder zum erstenmal hinunter nach Bayern, für mich keine Alternative, also bewies ich, wie nah das unbekannte Allgäu lag und wie unsicher der Weg in den schon besichtigten Harz wäre. Das heißt, ohne diese Reiseneugier wäre ich heute vermutlich Staatsbürger der DDR und könnte nach Leningrad oder Mamaia fahren, statt nach Mamaia, Malaga oder London, der geringfügigste unter allen denkbaren Unterschieden, sicher.

Seitdem also, vermute ich, bedeutet für mich Reisen Flucht, irgendwohin und vor allem, weg von irgendwas. Angst gehört noch immer dazu, vor der Abfahrt und auf der Fahrt, eine genießbare Angst, ein Kitzel. Die eigentliche, die grauere setzt erst auf der Rückfahrt ein, mit jedem Kilometer Annäherung ans Zuhause trostloser. Im Kopf wird’s eng, im Hals trocken, jeder Blick faßt niedergeschlagen etwas längst Bekanntes, leicht vornübergeneigt grüßt schließlich der gewohnte Nachbar, kein Zweifel: Auch diese Flucht war vorübergehend und ist mißlungen. Alltag beginnt nicht erst morgen, sondern wartet schon in drei Stößen Post. Um meine Angst, meinen Ekel zu bestätigen, zu bedienen, reiße ich den nie fehlenden Brief des Finanzamtes als ersten auf. Ich setze mich. Der Stuhl wackelt wie vor der Abfahrt.

Solche Krankheiten sind unheilbar, also, man gewöhnt sich an sie. Bald schlage ich abends wieder den Stadtplans von, sagen wir, San Francisco auf, obwohl ich doch weiß: so schnell werde ich keinen Flugschein dorthin sehen. Außerdem genieße ich es schon wieder, den immer ähnlichen Tee aus immer derselben Teekanne zu trinken. Nur auf Flucht sein, auf Reisen, würde gerade ich kaum aushalten. Die Astrologie erklärt das und mich so: Als typisch unter dem Zeichen des Krebses Geborener sei ich in Spannung zweierlei, ein Streuner und Hocker, flüchtig und klebend, am liebsten unterwegs, aber lieber noch zu Hause. Beispielhaft werde ich auf den Kollegen Gottfried Keller einerseits, andererseits auf Jewtuschenko verwiesen, und Kafka hat auch zu uns gehört, war nur im Kopf unterwegs ins Abenteuer, nach Amerika. Solche Deutung hilft gar nichts.

Von ungleich höherer Warte wird mir die Lust, irgendwohin zu fahren, nur weg von hier, aus dem Alltäglichen und Bekannten ins Unbekannte, noch exemplarischer erklärt als, höre ich, ein Verlangen nach dem Glück der Freiheit, nur möglich in unfreien Gesellschaften, mithin in allen bis dato bekannten. Da winkt man mir also mit einer Erlösung: In einer wahrhaft freien Gesellschaft soll ich zu Hause so glücklich sein dürfen wie unterwegs, und fliehen werde ich gar nicht mehr wollen.

Möglich, schwer vorstellbar, kaum wünschbar. Zu meinen Lebzeiten wird es so weit auch nicht kommen. Außerdem, ich glaube eher an eine andere Utopie: Wenn irgendwann einmal wirklich jeder die Gelegenheit (und das heißt doch auf deutsch: das Geld) hätte zu reisen, wenn dann alles unterwegs wäre oder doch sein könnte, überallhin und überall, wenn es folglich keine ganz und gar Fremde mehr gäbe, weil jeder überall jeden treffen würde oder doch könnte, dann also, in dieser mobilen freien Gesellschaft wird man zwar reisen können, aber nicht mehr fliehen.