Laurence Sterne zum 200. Todestag am 18. März

Von Wilhelm Höck

„Viele Werke der Alten sind Fragment geblieben. Viele Werke der Neuem sind es gleich bei der Entstehung(Friedrich Schlegel, Fragment)

Ich bin in diesem Monat ein ganzes Jahr älter als heute vor zwölf Monaten, und da ich, wie Sie sehen, schon fast die Mitte meines vierten Bandes erreicht habe und noch nicht weiter als zum ersten Tag meines Lebens gekommen bin, so ist es klar, daß ich schon jetzt dreihundertvierundsechzig Tage mehr zu beschreiben habe, als da ich zuerst begann, so daß ich, statt wie ein gewöhnlicher Schriftsteller in meinem Werk, mit dem, was ich daran getan habe, weiterzukommen, vielmehr ebenso viele Bände zurückgeworfen worden bin. Sollte noch jemals ein Tag in meinem Leben so geschäftig sein wie dieser – und warum nicht? – und die Schilderung der Ereignisse und Meinungen an demselben soviel Zeit wegnehmen – und aus welchen Gründen sollten sie kürzer abgefertigt werden? –, so muß, da ich auf diese Weise genau dreihundertvierundsechzigmal geschwinder lebe, als ich schreibe, mit Euer Gnaden Erlaubnis daraus folgen, daß ich um so mehr zu schreiben haben werde, je mehr ich schreibe, und daß somit Euer Gnaden um so mehr zu lesen haben... Wenn ich auch schreibe, wie ich will, und mich, wie Horaz empfiehlt, auch noch so rasch mitten in die Dinge stürze – ich werde mich doch niemals einholen, selbst wenn man mich bis aufs Blut peitscht und antreibt. Sollte das Ärgste zum Argen kommen, habe ich doch noch immer einen Tag vor meiner Feder voraus, und ein Tag ist genug für zwei Bände, und zwei Bände werden genug sein für ein Jahr.

Dieser Himmel gebe nur seinen Segen zur Papiermacherei unter dieser gnädigen Regierung.

(Lawrence Sterne, Tristram Shandy, unvollendet, unvollendbar: wenn jeder Lebenstag ein Schreibejahr erfordert, brauchte man zur Beschreibung von fünfzig Lebensjahren 18 250 Jahre, die wiederum zu schildern man über sechseinhalb Millionen Jahre benötigte – und so fort. Ein ewiges Werk.)

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