„Wir Deutschen könnten, solange uns die gemeinsame staatliche Ordnung noch verweigert wird, vieles tun, um zu verhindern, daß wir immer weiter auseinandertreiben“, mahnte Bundeskanzler Kiesinger am Montag in seiner Rede über die Lage der Nation vor dem Bundestag. Westdeutsche Politiker hatten diese Mahnung bereits in den letzten vierzehn Tagen beherzigt:

  • Der hessische Wirtschaftsminister Arndt und der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Möller reisten zur Messe nach Leipzig, um dort mit dem Stellvertretenden DDR-Außenwirtschaftsminister Behrendt über eine Verstärkung des Interzonenhandels zu konferieren.
  • Der Hamburger SPD-Wirtschaftssenator Kern verhandelte in Leipzig mit dem stellvertretenden DDR-Verkehrsminister Schlimper über den Bau einer Autobahn Hamburg–Berlin und über den Anschluß des Mittellandkanals an das Havel-Kanalnetz.
  • Der Bundestagsausschuß für Gesamtdeutsche und Berliner Fragen billigte einen Gesetzentwurf, der die Einfuhr von DDR-Presseerzeugnissen in der Zeit vom 1. Juli bis zum 31. Dezember ermöglichen soll.
  • Der Präsident des Bundesrechnungshofes, Hopf, untersuchte im Auftrag von Minister Wehner die Einrichtung einer obersten Bundesbehörde im Bereich des Gesamtdeutschen Ministeriums.

Doch Ostberlin konnte das Sticheln nicht lassen. Es stichelte da, wo es am meisten schmerzt: am Nervenstrang der Zufahrtswege zwischen der Bundesrepublik und Westberlin. Eine Anordnung des DDR-Innenministeriums, die am Sonntag in Kraft trat, untersagt Mitgliedern der NPD und Westdeutschen und Westberlinern, die sich im „neonazistischen Sinne“ betätigen, die Ein- und Durchreise durch die DDR.