Rudolf von Albertini: „Dekolonisation. Die Diskussion über Verwaltung und Zukunft der Kolonien 1919–1960“, Band I der „Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte“; Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen; 607 Seiten, 59,– DM.

Sie verhandeln heute, wo sie gestern befahlen. Sie haben das Bewußtsein der Selbstverständlichkeit ihrer Macht verloren und merken es nicht einmal.“ Sie, das sind die „weißen Herrenvöl-Ende denen Oswald Spengler fast verächtlich das Ende des europäischen Expansionswillens vorwarf. Nicht weniger pessimistisch fragte Paul Valéry in Frankreich, ob Europa zukünftig nur noch ein Kap des asiatischen Kontinents sein würde. War der Prozeß der Dekolonisation auch oder gar wesentlich ein Ausdruck der Resignation Europas seit dem Ende des Ersten Weltkrieges? Rudolf von Albertini, Ordinarius am Historischen Seminar der Universität Heidelberg, geht in seinem Buch diesen Fragen nach.

Es ist Albertinis Sache nicht, in der kulturpessimistischen Tradition eines Spengler allgemeine und nur zu leicht nebulöse kulturanthropologische Ableitungen zu versuchen. Vielmehr entstand ein Lehrstück dafür, wie Prozesse welthistorischen Formates nahezu undramatisch, aufgelöst in eine Vielzahl von politisch-pragmatischen Einzelentscheidungen und letztlich ohne Voraussicht auf den Kurs der Entwicklung, zustande kommen können. Insbesondere das Tempo der Dekolonisation hat jeglicher Voraussage gespottet.

Dennoch sieht Albertini in der europäischen Kolonialpolitik eine klare Tendenz zum Abbau der Vorherrschaft, am ausgeprägtesten in England, aber auch im Frankreich der Dritten und Vierten Republik, wenn auch der Weg in die Assimilation viel länger Auswege versperrt hat als jene „Prozession“ der britischen Territorien in das Multiracial Commonwealth. Die verschiedenen Konzeptionen, wie Trusteeship, Selfgovernment, Assimilation oder schließlich die Communaute, hätten, so betont Albertini, durchaus ihr Eigengewicht erhalten, mochten sie auch nicht selten nur zum reibungsloseren Funktionieren der Herrschaft erdacht sein oder Scheinlösungen anbieten. Die beiden Weltkriege, die Machtansprüche der neuen Weltmächte oder aber die Emanzipationsbewegungen in Afrika und Asien selbst schufen Situationen, die den Dekolonisationsprozeß vorantrieben, nun aber in bereits vorgedachten Bahnen.

Albertini breitet die zeitgenössische Kolonialdebatte aus. Sie fand vornehmlich im Kreise der Spezialisten aus Kolonialverwaltungen und Parlamentskommissionen statt, unterstützt durch politisch engagierte Wissenschaftler und Journalisten. Es waren jene oft am Rande der großen Politik agierenden Gruppen, die mit an den Formen arbeiteten, in die der Strom der Emanzipation Außereuropas hineinfloß. Insofern schreibt Albertini politische Geistesgeschichte, allerdings nicht losgelöst aus dem politischen Alltag und dem Konflikt der Interessen.

Nahezu beiläufig ist ein modernes Handbuch zur europäischen Kolonialgeschichte seit 1919 entstanden. Ich wüßte nicht, wo man sich in deutscher Sprache knapp und zuverlässig einen solchen Überblick über die Grundzüge der europäischen Kolonialentwicklung auch in territorialer Differenzierung verschaffen könnte. Zugleich erhält der Leser einen Überblick über die Forschungsgeschichte. Die großen englischen und französischen Schulen der Kolonial- und Überseegeschichte erscheinen im Zusammenhang ihrer politischen Zielsetzungen. Wohl jede politische Gruppe in England und Frankreich, die in die Debatte verwickelt war, wird wenigstens mit einer knappen Bemerkung auf ihren innenpolitischen Platz gerückt.

So packend und klar, oft mit einer journalistischen Ader, das Buch verfaßt ist, so lädt es doch mehr zum vergleichenden Nachfragen als zum kontinuierlichen Durchlesen ein. Man möchte den Verlag bitten, in einer zweiten Auflage die Aufschlüsselung durch einen genauen und vollständigen Index zu ermöglichen. Außerdem entspräche es dem Charakter eines Studienbuches, wäre ein zusammenfassendes Literaturverzeichnis als Wegweiser vorhanden. Denn es ist der Glücksfall zu nutzen, daß die erste zusammenfassende Darstellung des Anteils Europas an der Dekolonisation in deutscher Sprache erschienen ist, so daß wir wenigstens auf diesem Wege an einem Prozeß Anteil nehmen können, der uns durch kontinentale und nationalistische Selbstisolation und die verlorenen Weltkriege verschlossen geblieben ist, und auf dessen weltpolitische Konsequenzen wir immer noch eher hilflos und überrascht, mit unausgeglichener Politik und nur zögernd reagieren. Helmut Bley