Die nächsten Monate, meine verehrten Leser, werden uns einige interessante Kapitalerhöhungen bringen, besonders auf dem Bankensektor. So bietet die Bayerische Vereinsbank ihren Aktionären an, auf jeweils 9 Aktien im Nennwert von 50 Mark eine junge Aktie zum Preis von 100 Mark zu beziehen. Der Ausgabekurs beträgt also 200 Prozent. Wenn man berücksichtigt, daß die 50-Mark-Aktie der Bayerischen Vereinsbank an den Börsen zu 306 Prozent gehandelt wird, dann sind diese Konditionen als kulant gegenüber den Aktionären und kostspielig für die Bank zu bezeichnen, denn sie muß schließlich auch auf die jungen Aktien eine Dividende von 16 Prozent (oder 8 Mark je Stück) erwirtschaften. Wenn man die steuerliche Seite mitberücksichtigt, dann wird deutlich, daß sich die Bayerische Vereinsbank hier recht teures Geld einhandelt.

Dennoch hat es in den Börsensälen lange Gesichter gegeben, als die Bayerische Vereinsbank einen Bezugskurs von 200 Prozent bekanntgab. Der deutsche Aktionär pflegt bei Bezugskursen über pari stets die Nase zu rümpfen. Er empfindet Kapitalerhöhungen als ein Geschenk, das ihm „seine Gesellschaft“ macht – und für Geschenke möchte er möglichst wenig zahlen.

Tatsächlich ist der deutsche Aktienbesitzer in dieser Hinsicht verwöhnt worden. jahrelang waren Kapitalerhöhungen bei zahlreichen Unternehmen ein Instrument der Kapitalberichtigung. Immer dann, wenn nach dem Währungsschnitt die Aktienkapitalien zu niedrig festgesetzt worden waren. Durch Kapitalaufstockungen zu niedrigen Bezugskursen erfolgte eine elegante Korrektur. Nicht wenige Gesellschaften gaben junge Aktien zu Kursen von 100 Prozent aus, um das Gesamtengagement ihrer Aktionäre besser zu verzinsen. Das hätte sich auch über entsprechend höhere Dividenden erreichen lassen. Aber vor hohen Dividenden schrecken die Verwaltungen zurück, weil sie sofort zu Zielscheiben solcher Leute würden, für die Dividenden nun einmal rotes Tuch darstellen. Dividenden gehören zum klassenkämpferischen Instrumentarium – und werden es in der Bundesrepublik auch weiterhin bleiben.

Diese Aus- und Umwege waren es, die in Kreisen der Aktiensparer zu falschen Vorstellungen über Kapitalerhöhungen führten. Wir müssen, meine verehrten Leser, künftig mehr denn je zwischen Kapitalerhöhungen unterscheiden, die dem Ziel dienen, die Rendite der Aktien indirekt zu verbessern, und solchen, die einem Unternehmen dringend erforderliches Kapital zuführen sollen.

Die Unternehmen der deutschen Großchemie waren in der Vergangenheit ständig auf Kapitalsuche. Ihre Aktionäre sind regelmäßig zur Kasse gebeten worden, und zwar zu Konditionen, die gerade noch als „marktgerecht“ gelten konnten. Man trachtete danach, neues Kapital so preiswert wie möglich zu bekommen. Das führte dazu, daß die Aktionäre dieser Konzerne seit der Währungsreform mehr in ihre Unternehmen gesteckt haben, als sie an Dividenden ausgeschüttet erhielten. Da sich nicht jeder Aktionär dies leisten konnte, verkaufen viele ihr Recht zum Bezug junger Aktien mit der Folge, daß ständig neue Aktionäre gefunden werden mußten. Die im Januar durchgeführte Kapitalerhöhung der Farbwerke Hoechst bildete keine Ausnahme.

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, daß in den kommenden Jahren die Zahl der Kapitalerhöhungen zu „marktgerechten“ Bedingungen wachsen wird. Eine große Zahl deutscher Gesellschaften hat eine zu geringe Eigenkapitalbasis. Bilanzanalytiker, die sich mit internationalen Vergleichen beschäftigen, haben festgestellt, daß dies an der zu geringen Selbstfinanzierungskraft liegt. Sobald die Konjunktur lebhafter wird, kann sich das bessern. Ob dauerhaft, bleibt abzuwarten. Ich bin skeptisch, solange Gewinne bei uns als etwas „Verwerfliches“ betrachtet werden und nicht als etwas dringend Notwendiges, das wir brauchen, um die Arbeitsplätze von morgen zu sichern.

Um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, müssen die weltweit operierenden deutschen Unternehmen künftig ihr Kapital so preiswert wie möglich einkaufen. Auf dem Anleihe- und Schuldscheinmarkt sowie bei Bankkrediten haben sie dies bisher schon mit Erfolg versucht. Einige kluge Ansätze in dieser Richtung gab es auch bei Wandelanleihen, die in der Regel beim späteren Umtausch so hohe Aufgelder bringen, daß die Erwirtschaftung der auf diese Aktien zu zahlenden Dividenden kein besonderes Problem mehr aufwerfen wird. Indessen haben in der Wahl des Zeitpunktes für echte Kapitalerhöhungen bisher nur wenige Verwaltungen eine glückliche Hand bewiesen.