Von Ulrich Kaiser

Von Zeit zu Zeit nennen sie mich einen Kapitalisten, einen Kommunisten, einen Faschisten oder einen Sozialisten. Leute, die mir etwas freundlicher gesonnen sind, nennen mich den letzten lebenden Amateur. Darauf bin ich ein wenig stolz!“ Der Mann, dem man diese Vielzahl von Weltanschauungen unterstellt, ist der höchste Sportführer der Welt. Er ist achtzig Jahre alt, 1,82 Meter groß, seit langer Zeit etwa um 82 Kilo schwer, sein Mittagessen besteht seit vielen Jahren aus einem Glas Milch, einem Apfel, einem Ei und einem Schinkenbrötchen. Avery Brundage, seit 1952 Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, geht aufrecht, fast ein wenig steif – er ist eine knorrige Gestalt. „Ich bin ein hundertzehnprozentiger Amerikaner und ein altmodischer Republikaner. Leute wie ich haben seit den Zeiten von Hoover und Coolidge nicht mehr viel zu wählen gehabt!“

Er ist ein Despot, vielleicht ein Diktator sogar. Seine Auffassung vom Amateurismus gilt meist als hoffnungslos veraltet – puritanisch. „Wir haben vergessen, daß das Wort ‚Amateur‘ aus dem Lateinischen kommt. Von Amor – Liebe. Ein Amateur ist ein Mensch, der das, was er tut, nur aus Liebe zur Sache tut, nicht um damit Geld zu verdienen!“ Dazu ein Gegner: „Er hat soviel Geld, daß er nicht mehr glauben kann, irgend etwas falsch zu machen!“ Und die Antwort: „Ich habe es alles selbst verdient!“

Das „alles“ wird zur Zeit mit etwa 25 Millionen Dollar geschätzt. Er wurde am 28. September 1887 in Detroit geboren, besuchte die Schule in Chikago und studierte an der Universität von Illinois. Um 1910 stieg er in Chikago ins große Baugeschäft, wurde Grundstücksmakler, kaufte sein erstes Hotel. „In den Jahren der Depression brauchte man kein Zauberer zu sein, um sein Glück zu machen. Man kaufte billige Aktien für wenige Cents und wartete. Ich hatte Glück!“ Im vergangenen Jahr schenkte er seine Sammlung ostasiatischer Kunst (vor allem Tang-Keramiken) – Wert dreißig Millionen Dollar – an das M. H. de Young Memorial Museum in San Franzisko. Es sprach für seinen Sinn für gesunde Realität, daß er gleichzeitig damit drei Millionen Dollar überwies, mit denen man die Sammlung pflegen und erhalten kann.

Der Mann, der von sich behauptet, sein Leben lang gegen politische und kommerzielle Einflüsse in der olympischen Bewegung gekämpft zu haben, war auch in seiner sportlichen Laufbahn ein Selfmademan. 1908 war er amerikanischer Studentenmeister im Diskuswerfen, spielte er in der Basketballmannschaft seiner Uni und erhielt eine Medaille für sportliche Verdienste. 1912 startete er im Fünf- und Zehnkampf bei den Olympischen Spielen in Stockholm. Er wurde bereits damals mit einem Problem konfrontiert, das er heute fanatisch bekämpft: Sein Landsmann, der Indianer Jim Thorpe, gewann den Zehnkampf und wurde dann disqualifiziert, weil er zuvor bei einem Basketballspiel ein lächerliches Taschengeld angenommen hatte. Avery Brundage wurde 1914, 1916 und 1918 amerikanischer Allround-Meister; dabei war ein Mehrkampf zu absolvieren, bei dem alle zehn Übungen an einem Tag ausgetragen wurden. Aus dem Sportler wurde ein Funktionär. Er kam in den Vorstand der Amateur Athletic Union (AAU), in den Studenten-Sportverband, 1936 in das Internationale Olympische Komitee.

In den USA überwand er die Opposition, die die Olympischen Spiele in Berlin boykottieren wollten. „Unser Fernbleiben hätte mehr geschadet als genutzt. Hitler und seine Nazis wären trotzdem marschiert.“ Als junges IOC-Mitglied drängte er jedoch darauf, daß in das deutsche Olympiateam auch Juden aufgenommen wurden. Seine eigenen Landsleute ließ Brundage die harte Hand ebenfalls spüren. Als er die Schwimmerin Eleanor Holm auf der Schiffsreise nach Deutschland dabei erwischte, als sie ein Glas zuviel des guten Sektes getrunken hatte, wurde sie aus dem US-Olympiateam ausgeschlossen und nach Hause geschickt. 1947 – nun immerhin bereits als Sechzigjähriger – stieg Avery Brundage in eine ähnliche Rolle: Als die kanadische Eiskunstläuferin Barbara Ann Scott einen kanariengelben Sportwagen geschenkt bekam, riet er ihr mit väterlicher Strenge, das Gefährt schnellstens zurückzugeben. Ein Jahr später, als die Kanadierin in St. Moritz die Goldmedaille gewonnen hatte, soll sie – dem Vernehmen nach – Brundage unter Tränen gedankt haben.

Avery Brundage behauptet von sich, hundertzehnprozentiger Amerikaner zu sein – indes, er ist kein Nationalist. Er träumt davon, daß bei Olympischen Spielen keine Nationalmannschaften, sondern individuelle Einzelkämpfer starten, gleich welcher Farbe, Religion oder politischer Überzeugung. Er findet Hymnen gräßlich. „Erstens werden sie furchtbar schlecht gespielt, zweitens sind sie monoton und langweilig.“