Von Kurt Simon

Gleich der erste Arbeitstag war hart. Nur eineinhalb Stunden nach der Einführung nahm Staatssekretär Dr. Klaus von Dohnanyi im Konferenzsaal des Bundeswirtschaftsministeriums Platz, um zusammen mit seinem Minister an den Verhandlungen über eine Neuordnung des Steinkohlenbergbaus teilzunehmen. Das war am Freitag, dem 1. März 1968. Außer Dohnanyi traten drei neue Abteilungsleiter ihre Amter an.

Dohnanyi verheimlicht nicht, daß er Schillers Angebot gern angenommen hat: „Was kann es für einen Volkswirt Schöneres geben ...“ Und die Beamten des Ministeriums waren sich nach dem ersten Zusammentreffen mit dem neuen Staatssekretär einig, daß ihr Minister einen Mitarbeiter gewonnen hat, der seine Aufgabe mit dem gleichen brennenden Ehrgeiz wahrnehmen wird wie Schiller. Aber auch die Parteigenossen des Bundeswirtschaftsministers haben Grund zur Zufriedenheit: Dohnanyi hat seit mehr als zehn Jahren das SPD-Parteibuch in der Tasche.

In der 15 Mann starken Spitzenmannschaft des Bundeswirtschaftsministeriums ist der Abkömmling aus einem ungarischen Adelsgeschlecht, Enkel eines bedeutenden Komponisten und Bruder eines bedeutenden Dirigenten, der elfte neue Mann. Doch nicht immer waren Schillers Ernennungen nach dem Geschmack seiner Parteifreunde.

Als der SPD-Wirtschaftsexperte Karl Schiller am 1. Dezember 1966 zwei Stunden nach seiner Vereidigung als Wirtschaftsminister der Großen Koalition vor seinem neuen Amtssitz vorfuhr, brachte er aus der SPD-Fraktion lediglich seinen Parlamentarischen Staatssekretär Dr. Klaus-Dieter Arndt und seinen persönlichen Referenten Dr. Morawitz mit. Das war recht bescheiden, doch es entsprach dem Wunsch des Ministers, nicht mit einer „Mitarbeiter-Karawane“ in das Ministerium einzuziehen.

In der Partei und in der Fraktion war man anderer Ansicht. Zwar hütete man sich, in der Öffentlichkeit Forderungen zu erheben. Hinter den verschlossenen Türen des Fraktionssaales wurde dagegen in den folgenden Monaten immer häufiger gefordert, bei Ernennungen mehr SPD-Mitglieder zu berücksichtigen. Wenigstens ein Fünftel der Spitzenpositionen sollte in verhältnismäßig kurzer Zeit von Sozialdemokraten besetzt werden.

Siebzehn Jahre lang hatte die SPD in der Opposition mitansehen müssen, wie wichtige Verwaltungspositionen vorwiegend mit Persönlichkeiten besetzt worden waren, die der CDU/CSU und – zu einem ganz kleinen Teil – der FDP nahestanden. Die Sozialdemokraten gingen leer aus. Ein Angehöriger des Wirtschaftsministeriums, selbst SPD-Mitglied, schätzte damals die Zahl der SPD-Mitglieder im „höheren Dienst“ auf „nicht mehr als eine Handvoll“.