Alexander und Margarete Mitscherlich: „Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“; R. Piper-Verlag, München; 370 Seiten, 24,– DM.

Vor etwa zwei Jahren machten kurz nacheinander drei Bücher von sich reden, die, bei aller sonstigen – formalen, methodischen und inhaltlichen – Unvereinbarkeit doch etwas Entscheidendes miteinander verband. Jean Amery („Jenseits von Schuld und Sühne“), Margret Boveri („Wir lügen alle“) und Horst Krüger („Das zerbrochene Haus“) versuchten aus unterschiedlichen Blickwinkeln gegen das anzuschreiben, was in der vorliegenden Arbeit als „Derealisierung“ unseres Verhältnisses zur nationalsozialistischen Zeit diagnostiziert wird. Streng innerhalb des persönlichen Erfahrensbereiches bleibend, analysierten sie Teilaspekte des „Dritten Reiches“: Das zur Anschauung gebrachte Detail sollte eine in der „Bewältigung“ längst unter Aktenbergen begrabene, „derealisierte“ Wirklichkeit wieder zu Bewußtsein bringen.

War es bloßer Zufall, daß diese re-individualisierenden Auseinandersetzungen mit einer kollektiv verdrängten Vergangenheit einsetzten, gerade als die Ära Adenauer zerbröckelte und die vorläufig letzte große Vatergestalt der deutschen Geschichte zu verblassen begann? Man kann daran zweifeln. Historisch war dies der Augenblick, in dem das falsche öffentliche Bewußtsein und mit ihm der kollektivierte Selbstbetrug noch einer produktiven Korrektur hätte unterworfen werden können. Das ist nun vorbei.

Neue Polaritäten haben sich herausgebildet, traditionell grundierte Aggressionshaltungen sind in neuem Gewande virulent geworden. Ein erzwungener Blick nach vorn und auf neue Realitäten begünstigt paradoxerweise eine weitere Phase der „Vergangenheits-Derealisierung“, nicht unbedingt nur bei denen, die eine Vergangenheit aufzuweisen haben. Die rebellierenden Jüngeren sehen über einen solchen, fortwirkenden Selbstbetrug mit einer fast schon milde gewordenen Verächtlichkeit hinweg, soweit er nicht individualisiert in Erscheinung tritt. Sie interessieren sich mittlerweile mehr für dessen Folgen.

Wir befinden uns tatsächlich in einer Phasenverschiebung. Aber die Mitscherlichs streiten mit guten Gründen ab, wir könnten die nationalsozialistische Zeit, entgegen allem Anschein und vielen Behauptungen, als ein für uns bereits „abgeschlossenes Kapitel“ betrachten. Deshalb gilt auch die engagierteste Untersuchung ihres Buchs der Frage, wie es sich für die Bundesrepublik – moralisch, gesellschaftlich und politisch – ausgewirkt hat, daß die notwendige „Trauerarbeit“ nur von einer verschwindenden Minderheit geleistet, bei der Masse aber durch spezifische Abwehrvorgänge verhindert wurde.

„Trauerarbeit“ ist ein plastischer Ausdruck der Psychoanalyse. Sie kann nur vom Individuum vollzogen werden. Das deutet schon auf den Kardinalpunkt des Buches hin. Die Verfasser fragen weniger nach den Wirkungen der Gesellschaft auf das Individuum wie die anfangs genannten Autoren, sondern umgekehrt nach denen einer summierten Individualpsychologie auf das konkrete politische Kollektiv. Was Politik macht, ist „menschliches Verhalten in großer Zahl“. Sie nutzen das Instrument der Psychoanalyse für den Versuch, Beweggründe und Realitäten kollektiven Verhaltens zu ergründen.

Man kann sich fragen, ob das Verfahren eindeutige Resultate zuläßt. Die Autoren sind selbst nicht frei von Bedenken. Sie legen sich in ihren Schlußfolgerungen große Zurückhaltung auf. Es ist vielleicht, das sei hier angemerkt, nicht ganz zufällig, daß die politische Autorität – ein doch zentraler Gegenstand aller Bemühungen, sich Klarheit über die gegenwärtige gesellschaftliche Krise zu verschaffen – in ihrem Buch weit weniger intensiv behandelt wird als etwa die allerdings ebenso wichtige Frage nach der Relativierung der Moral, vornehmlich innerhalb des Prozesses fortschreitender Industrialisierung.