Bericht von der 20. Tagung des Verbandes Deutscher Studentenschaften in München

Von Hilke Schlaeger

In der kargen, ungemütlichen Mensa der Technischen Hochschule München tagte in der letzten Woche die zwanzigste ordentliche Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Studentenschaften. Den zweihundertfünfzig Delegierten von 107 Hochschulen, denen schon vorher vorsorglich empfohlen worden war, sich auf Schichtdienst einzurichten, bot die Kongreßstadt München vergeblich ihren Charme und erholsame Ablenkungen an. Nach dem ununterbrochenen Marathonlauf durch eine kaum fixierte Tagesordnung, die von der studentischen Krankenversicherung bis zum Krieg in Vietnam reichte, hatten die meisten nur noch einen Wunsch: schlafen.

Zwischen wachsenden Bergen von Papier, Zigarettenstummeln, Kaffeetassen und Biergläsern, in zunehmend schlechter Luft und immer größer werdender äußerlicher Unordnung blieb ein Merkmal dieser Studentenversammlung konstant: die parlamentarische Disziplin, die dem guten Willen der Delegierten, vor allem aber dem strengen Diktat der Verhandlungsführer zu danken war. Der altgediente Präsident Klaus Huber, in vielen Verhandlungen erprobter Routinier der Diskussionsleitung, sorgte mit unpolitischer Autorität und bayrischem Humor, mit Ordnungsrufen, Mao-Zitaten und beinahe durch nichts zu erschütternder Geduld für Ruhe und Ordnung. Seine Vertreter ahmten ihn darin nach kurzer Zeit erfolgreich nach.

Darüber verging sogar den Berliner Studentenvertretern die Lust am politischen Happening. Die Ho-Chi-Minh- und Guevara-Plakate verschwanden nach einigen Tagen von den Tischen; das mitgebrachte Megaphon trat nicht in Aktion; und die übrigen Abzeichen der Revolution – Mao-Jacken, Schieber-Mützen, Vietcong- und Enteignet-Springer-Plaketten – verloren mit zunehmender Ermüdung ihrer Träger den telegenen Reiz.

Die Verbrechen in Vietnam

Schon vor der Eröffnung hatte man dieser Tagung aufmerksam entgegengesehen und ihr politische Brisanz bescheinigt. Es wurde prophezeit und orakelt, daß der VDS sich in Zukunft als studentisches Syndikat begreifen, sich gar spalten werde... Auf jeden Fall war deutlich: was die Bundesvertretung der deutschen Studenten aus einem knappen und unruhigen Jahr des politischen Erwachens an Folgerungen ziehen würde, konnte der Publizität gewiß sein.