Der Krieg war leichter zu gewinnen als der Frieden -Augenschein in Israel und Jordanien

Jerusalem/Amman, im März

An der Kirchenmauer lehnt ein Offizier. Durch das schwere Fernglas schaut er angestrengt hinunter ins Tal, dann hinüber zu den hohenBergkämmen am Horizont. Auch mit bloßem Auge könnte er erkennen, was er dort hinten sucht: die spitzen Türme der Kirchen von Jerusalem. Sein Gesicht verrät nichts in diesem Augenblick – keine Trauer, keinen Haß. Es ist das Gesicht eines Offiziers, der sich in der Gewalt hat, auch jetzt, wo jeden anderen an dieser Stelle leicht der Schmerz übermannen, wo ihn Rache aufstacheln könnte – beim Blick von der Spitze des Berges Neob zum fernen Jerusalem, zum unerreichbaren Jerusalem.

Der Offizier trägt die erdbraune Uniform der jordanischen Armee, einer geschlagenen, gedemütigten Armee. Und ein Teil jener Stadt am Horizont war einmal seine Stadt. Seit dem letzten Juni gehört sie nun ganz den Juden. Aber sie ist dennoch seine Stadt geblieben, in seiner Sehnsucht und wohl auch in seinem Willen, seiner unbezähmbaren Entschlossenheit, sie zurückzuerobern – eines Tages.

„Nächstes Jahr in Jerusalem“ war das verheißungsvolle Versprechen, das sich die Juden in der Diaspora einander gaben, während beinahe 2000 Jahren. 1967, in den ersten Tagen des Juni, lösten sie ihr Versprechen ein: Jeruschalajim, die Stadt aus Gold, die „wiedervereinigte“ Stadt der jüdischen Könige David und Salomon, ist in ihrer Hand. Die Jordanier aber sagen: Wir werden nicht so lange warten. Und es klingt nicht wie ein frommer Wunsch.

Hinter dem Offizier, im Schatten der Kirche, steht ein Panzerspähwagen. Das Maschinengewehr ist auf den unsichtbaren Feind gerichtet, aus dem Lautsprecher der Funkanlage dringen unverständliche Signale in die Stille. Der Krieg, der so plötzlich begann und der so schnell sein Ende fand, hat nur eine Pause. Er ist im Wartestand, auch hier auf dem Berg Neob, eine knappe Autostunde entfernt von Amman, am Rande des Toten Meeres und der Jordan-Senke. Auch dieser Berg hat schon viele Kriege erlebt. Moses stand auf seiner Spitze. Das war um das Jahr 1250 vor Christi Geburt. Von hier aus zeigte ihm Gott das Gelobte Land. Ehe Moses starb, an dieser Stelle, rief er noch seinem Volk zu: „Wohl dir, Israel! Wer ist dir gleich? Du Volk, das Heil empfängt durch den Herrn, der dein Schild ist, deine Hilfe und das Schwert deines Sieges. Huldigen werden dir deine Feinde, einherschreiten wirst du auf den Höhen ihres Landes.“

Doch für den Offizier, der an diesem Märztag des Jahres 1968 hier auf Wache steht, gilt die Prophezeiung der Bibel nicht. „Wir haben nur eine Schlacht verloren, im Juni, nicht den Krieg.“ So sagt er, so sagen es die meisten in Jordanien. Die „vierte Runde“, dies fürchten auch viele Israeli, kommt bestimmt.