Ein Fernseh-Plädoyer

Von Peter von Zahn

Über den Menschen vor dem Bildschirm istviel gesprochen worden. Infratest mißt täglich seinen Puls. Man hat untersucht, wann er sich ein neues Bier aus dem Eisschrank holt; man glaubt seine Programm-Begierden und Informations-Gelüste genau zu kennen. Der Mann hinter dem Bildschirm ist weniger gut erforscht. Wer ist er überhaupt? Warum spreche ich vom Mann hinter dem Bildschirm statt von dem auf dem Bildschrim?

Sehr einfach. Der Mann auf dem Bildchirm stellt nur die sichtbare Spitze des Eisbergs dar. Ansager und Reporter, Kommentatoren, Moderatoren, Quizmaster und Unterhaltungs-Tausendsassas – das alles sind die „Frontschweine“ des Fernsehens. Die, welche den Kopf hinhalten müssen auf der Scheibe. Tatsächlich bilden sie aber nur einen unbedeutenden Teil, verglichen mit der vielfältigen Etappe, welche hinter dem Bildschirm tätig ist.

Die beste Beschreibung des Fernsehens findet sich im siebten Kapitel von Platons Staat, im Höhlengleichnis. Da wird die Erkenntnis-Fähigkeit des Menschen untersucht, und zwar an Hand von Gefangenen, die so angekettet sind, daß sie nur die Rückwand einer Höhle sehen können. Hinter ihnen wird ein Feuer unterhalten. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen aber werden entlang einem Mäuerlein Dinge so getragen, daß ihr Schatten auf die Höhlenwand fällt. Alle möglichen Gefäße, Statuen und Tierfiguren sind das, und einige sprechen, andere sind stumm. Die Gefangenen sehen nichts als diese Schatten. Sie glauben, daß die vom Echo zurückgeworfenen Stimmen der Figurenträger am Mäuerlein zu den Schatten gehören. Sie bekommen überhaupt ein kurioses Bild der Wirklichkeit.

Wir Leute hinter dem Bildschirm sind denen vergleichbar, welche die Statuen und Gefäße manipulieren, welche Brennholz herbeischleppen, das Feuer entfachen – und welche die Schatten-Prozession ordnen und kommandieren. Wir tun das auf elektronischem Wege. Ob wir die Erkenntnis-Fähigkeit derer erhöhen, die vor dem Bildschirm gekettet sind, muß sich zeigen.

Zu unserer Gruppe gehört der Intendant wie der Kameramann. Sie reicht von der Bildmischerin bis zum Finanzdirektor, welcher darauf achtet, daß der Schornstein raucht. Die Schauspieler gehören dazu und die Autoren, die freien Mitarbeiter und das abgehärmte Häuflein der Freien Produzenten. Auch die Rundfunk- und Verwaltungsräte muß man dazurechnen, denn sie sorgen dafür, daß dem Establishment auch nicht der Schatten eines Leides geschieht. Sie erhalten ihre Befehle jedoch von außerhalb unserer Kreise. Dieser große, vielgestaltige Apparat hinter dem Bildschirm ist es also, für den ich – ohne dazu autorisiert zu sein – mein Plädoyer halte.